Berlin : „Ein Abenteuer aus Absurdistan“

Im Prozess um den Bankenskandal hatten gestern die Ex-Manager das Wort. Alle Angeklagten wiesen die Vorwürfe zurück

Katja Füchsel

Wolfgang Steinriede hält jetzt nichts auf dem Stuhl. Gerade steht der einstige Bankgesellschafts-Chef im Saal 700 des Moabiter Kriminalgerichts und redet sich den Frust von der Seele: Der Prozess zum Bankenskandal erscheine ihm nach über 40 Berufsjahren „wie ein böser Traum“, sagt der 71-Jährige. Den Untreuevorwurf der Anklage empfinde er als „ungeheuerlich“ und „zutiefst verletzend“. „Mal abgesehen davon, dass ich gezwungen werde, ein Vermögen auszugeben, um mich gegen diesen unglaublichen Vorwurf zu verteidigen“, sagt Steinriede. Sieben Seiten hält er in der Hand, manche Passagen hat er mit grünem Leuchtstift markiert.

Hier ein Nicken, da ein Lächeln – ansonsten lauschen die zwölf angeklagten Manager dem Vortrag kommentarlos. Die ehemaligen Vorstände der Berlin Hyp – wie beispielsweise der ehemalige CDU-Fraktionsvorsitzende Klaus-Rüdiger Landowsky, Jürgen Noack und Dirk Hoffmann – haben ihre Stellungnahmen im Prozess bereits hinter sich gebracht.

Nun sind die Aufsichtsräte an der Reihe und phasenweise wird es fast theatralisch: „Mein ganzes Sinnen und Trachten war darauf gerichtet, die mir anvertrauten Unternehmen zukunftssicher zu machen“, sagt Steinriede, der als einer der Gründer der Berliner Bankgesellschaft gilt.

Einige der Ex-Manager sprechen nur wenige Minuten, andere über eine Stunde. Die einen halten Vorträge über Risikoprofile, Beschlussvorlagen und Kompetenztableaus, andere über ihren beruflichen Werdegang – aber sie alle sagen: „Die Vorwürfe sind in jeglicher Hinsicht unbegründet.“

Laut Anklage sollen die 13 Spitzenmanager der Berlin Hyp dafür verantwortlich sein, dass man der Immobilienfirma Aubis über 235 Millionen Euro unzureichend gesicherte Kredite überwies. Mit Hilfe der Berlin Hyp hatte Aubis in den 90er Jahren Plattenbau-Siedlungen in Ostdeutschland gekauft. Vier Tage ist der Prozess um den Bankenskandal alt, aber die Banker und ihre Verteidiger finden für die Anklage immer neue Umschreibungen: ein Abenteuer aus Absurdistan, juristisches Niemandsland, ein Stück aus dem Tollhaus, ein Scherbenhaufen…

Ähnlich klingen auch die vorgebrachten Argumente: Die Angeklagten sprechen über den Aufbruch nach dem Mauerfall und über positive Prognosen. Die dramatische Bevölkerungsentwicklung in den neuen Ländern habe damals niemand vorhersehen können, heißt es. Mit der Sanierung der im Osten bis heute beliebten Plattenbauten habe man der Wohnungsnot entgegnen wollen. Die Kreditvergabe an Aubis sei aus damaliger Sicht vertretbar gewesen – wie auch schon das Kammergericht im Zivilverfahren festgestellt habe. Und es gibt noch ein Argument, das fast alle anführen: Hätte man die beanstandeten Folgekredite verweigert, wäre Aubis in die Insolvenz gegangen – und der Schaden für die Bank so weitaus höher ausgefallen. Das damalige Vorstandsmitglied Dirk Hoffmann hat nachgerechnet: 4000 Kreditentscheidungen habe er in seinem Leben getroffen, und laut Anklage soll er gerade bei Aubis einmalig seine kriminelle Energie ausgelebt haben? „Das kann wohl nicht wahr sein!“ Der Prozess wird Freitag fortgesetzt.

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