Offiziell wohnte ich jetzt zwar im Westen, im Wedding, mit Blick auf den früheren Todesstreifen, jetzt: Wiesen und Bäume. Aber praktisch war die Schönhauser immer noch vor der Tür, die Kastanienallee nur einmal durch den Park, der Weg in die Stadt der gleiche geblieben, Richtung Süden, Richtung Westen, immer die Sonne im Gesicht.
Die guten, alten Routinen. Montagsmittags auf einen Schawarma zu 1001 in die Stargarder. Samstagmittags zu den Lautern-Spielen zu Elvis und den Jungs in den Gun Club, Schliemannstraße, Leberwurstbrote und Bellheimer und Fachsimpeln mit Micha und Simon. Freitagabends zum Warmwerden ins Schwarz-Sauer oder im Sommer auf ein paar Caipi vors Wohnzimmer, später dann noch rüber zum August Fengler, um mal zu sehen, was so ging. Und im Fengler ging ja eigentlich immer was.
Wir gingen jetzt auch oft in Mitte weg, ins Schmitz oder die Neue Odessa, ins Haus am See oder ins Muschi Obermaier drei Ecken weiter, die ganzen schlimmen Hipsterschuppen. Ich bekam regelmäßig Kohle als Sportreporter, und nach einem langen Spätdienst hatten die Kollegen und ich immer ziemlich viel Durst. Und freitags und samstags, wenn uns danach war, ging es noch zum Abstürzen rüber ins Kaffee Burger. Dort - der Laden immer noch rechtschaffen verranzt, das Klo eine Katastrophe, der Tanzraum spätestens um halb zwei eine sowjetische Dampfsauna - war irgendwie noch der wilde Nachwende-Osten zu Hause. So stellte ich mir die Neunziger vor.
Denn, klare Sache, für den großen Hype da oben war ich natürlich locker zehn Jahre zu spät dran, die Nachwendezeit und ihre Folgen habe ich hier nicht erlebt, da war ich noch ein Teenager in der Spandauer Vorstadt, meine Welt so klein wie mein Zimmer unterm Dach im Haus meiner Eltern. Staunend und neidisch hörte ich meinem Onkel zu, der - entscheidende zwölf Jahre älter - von illegalen Kellerpartys und Caipirinha-Besäufnissen in verfallenen Garagen erzählte.
Aber es war doch noch was da, auch zu meiner Zeit, da war noch was zu spüren vom Geist des Aufbruchs, sie war noch zu sehen an jeder zweiten Ecke, diese Aura des ewig Unfertigen, die Raum ließ für so viele Möglichkeiten und Menschen. Die Nullerjahre, ein letztes zartes Nachwehen der Nachwendezeit.
Da war ja noch Leben in den Höfen und den Nischen, auch wenn sie drumherum schon die ganzen Fassaden schick gemacht hatten. Anfangs gab es ja noch das High End 54, das winzige Kino oben im Tacheles, es gab den Knaack Club, wo sich freitags beim Käptn Karaoke irgendwann alle zu „Westerland“ und „Griechischer Wein“ in den Armen lagen. Es gab auch den Magnet Club noch ein Stück die Straße hoch, wo dienstags die Rock Bar fetzte und Andor, wenn er da war, immer ein paar von den rosa Getränkemarken am Start hatte für uns. Alles zu, alles vorbei, dem Lärmschutz gewichen, den neuen Eigentümern und den reichen Nachbarn, dem großen Geld, verklagt, verzogen, verkauft.
Der wilde Osten ist so schrecklich erwachsen geworden. Und wir mit ihm.
Den Baustaub aus der Jacke klopfen
Eine Weile gab es auch noch die Gewerbebaracken im Norden des Mauerparks, direkt hinter unserem neuen Haus, wo wir 2006 Deutschland gegen Schweden geguckt hatten auf winzigen Röhrenfernsehern und wo sie jetzt die Wochenenden zu Elektro durchtanzen. Die letzten Versprengten sahen wir manchmal sonntagmorgens um zehn, elf Uhr Richtung Eberswalder taumeln. Sonntags war Monbijou im Gras gegenüber von der Säulengalerie, sonntags war Arkonaplatz und Mauerpark, und je nachdem, wie der Wind stand, kam der Gesang vom Freiluft-Karaoke zu uns herübergeweht, Fetzen von „I Will Survive“ und „Dont Stop Me Now“, Didgeridoo und Gelächter und der ewige Sommergeruch von Würstchen auf dem Einweggrill.
Auch das veränderte sich dann, in den letzten drei Jahren ist auch der Mauerpark zum Investitionsobjekt geworden, zum riesigen Baugrundstück. Während mein Leben steter wurde, meine neue Freundin einzog und meine Frau wurde, fuhren draußen vor dem Haus die Bagger vor und die Lkw. Die Presslufthämmer ließen die Gläser in der Küche zittern. Das verlassene Altenheim gegenüber musste weichen, noch ehe die Kinder auf der Welt waren, und neu entstand einer dieser funktionalen Wohnkästen, enge Ein- bis Drei-Zimmer-Wohnungen, letzten Herbst brannten die ersten Lichter hinter den winzigen Fenstern, alles wird gerne genommen.
Und auch hinter dem Haus ragen nun ein halbes Dutzend Kräne in den Nachthimmel. Wohnraum braucht die Stadt, 100 Einheiten hier, 600 da, Berlin als Dialyse-Patient. Und wir Bewohner nur noch nervöse Ameisen, die ihre Fahrräder über provisorische Stromschwellen wuchten, die sich den Baustaub aus der Jacke klopfen und mit geducktem Kopf durch den dröhnenden Gleimtunnel fliehen.
Unsere Tage an der alten Grenze sind gezählt. An trockenen Tagen legt sich der Staub auf die Balkonpflanzen und die Küchenscheiben. An nassen Tagen laufen Bäche braunen Schlamms über den Gehweg und verstopfen die Gullis.
Als wir nach langer vergeblicher Suche eine Wohnung für vier im fernen Charlottenburg besichtigen, sieht meine Frau die vollen Caféterrassen an der Ecke und sagt: Hier sieht es ja aus wie zu Hause in Frankreich.
Kurz vor unserem Umzug mache ich einen letzten Gang durch die alte Nachbarschaft. Ich gehe die Gleimstraße hoch, am Falkplatz vorbei und dem früheren Wasser und Brot, 2010 noch die letzte ehrliche Raucherkneipe hier unten, kurz darauf zu, heute einer dieser Fake-Tapas-Läden, einmal da gewesen, nie wieder. Ich laufe am Pattaya vorbei, das es noch gibt und wahrscheinlich immer geben wird, krisenfestestes Gewerbe: asiatische Küche. Der Irish Pub, der damals auf der legendären Ekelliste des Bezirks Pankow stand, ist eine Bio Company, als ob die noch jemand hier gebraucht hätte. Andererseits: Kaufe ich mittlerweile nicht auch Bio-Möhrchen statt Lidl-Minutensteaks wie damals noch an der Vineta?
Ein paar Minuten später stehe ich ratlos in der Schliemannstraße, trippele vor und zurück und noch mal vor und kann meinen Gun Club nicht mehr finden. Ich sehe nur neue Fassaden, war Jahre nicht mehr hier, der Zweitligafußball ist verzogen, seit Elvis sich Sky nicht mehr leisten konnte.
Ich kriege regelrechte Panik, wo ist meine Fußballkneipe, kann sie einfach verschwunden sein? Schließlich entdecke ich auf einer Lamelle eines heruntergelassenen Rollladens ein Filzstift-Tag, Gun Club, da steht es. Ich gucke an der hellblauen Hauswand hoch. Mann, Elvis, wo bist du?

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