Berlin : Ein Alibi für den Sürücü-Bruder Hatuns Schwägerin sagt im Mordprozess aus

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Selbstbewusst steuerte die junge Türkin auf den Zeugenstuhl zu. Ganz in Schwarz und ohne Kopftuch, ihre Handtasche fest unter dem Arm. Nur flüchtig ging ihr Blick Richtung Anklagebank, wo ihr Ehemann und seine beiden Brüder saßen. „Ja, ich möchte aussagen“, erklärte die 24Jährige. Sie war gestern das erste Mitglied der Familie Sürücü, das zu einer Zeugenaussage im Prozess um den Mord an Hatun Sürücü bereit war. Was sie sagte, entsprach ganz der Aussage ihres Mannes.

„Alpaslan war an jenem Abend zu Hause, kurz nach halb neun war er da“, erklärte Nalan Sürücü und bestätigte damit dessen Aussage. Die Schüsse auf Alpaslans Schwester Hatun fielen kurz vor 21 Uhr. Nach Darstellung der Zeugin saßen sie, ihr kleiner Bruder und Alpaslan zu dieser Zeit beim Abendessen. Der Vorsitzende Richter wollte wissen, warum sie sich so genau erinnere. „Wir waren frisch versöhnt, da sieht man auf die Uhr.“ Nach dem Essen habe noch Alpaslans jüngster Bruder Ayhan angerufen und erklärt, dass er an diesem Abend doch nicht mehr komme.

Die Staatsanwaltschaft geht dagegen davon aus, dass der 25-jährige Alpaslan am Abend des 7. Februar Schmiere stand, als sein 19-jähriger Bruder Ayhan ihre Schwester Hatun durch drei Kopfschüsse tötete. Die drei angeklagten Brüder sollen die 23-Jährige ermordet haben, weil sie ihren westlichen Lebensstil als „Kränkung der Familienehre empfanden“. Zu Beginn des Prozesses hat Ayhan die Schuld allein auf sich genommen.

Die ganze Familie habe nach Hatuns Tod geweint, versicherte die Zeugin. Dass Ayhan der Täter sei, habe die Familie bis zu seiner Festnahme eine Woche nach dem Mord nicht gewusst. Wie sie zu dem Vorwurf gegen ihren Mann stehe, wurde die junge Türkin gefragt. „Das stimmt nicht“, kam laut die Antwort. Immer wieder unterstrich Nalan Sürücü, dass ihr Mann keineswegs ein religiöser Fanatiker, sondern ein gläubiger, aber modern eingestellter Mensch sei. „Wenn er die eigene Schwester umbringt, weil sie kein Kopftuch trägt, dann müsste ich längst tot sein.“

Der 17-jährige Bruder der Frau berichtete fast deckungsgleich über jenen Abend. Selbst einen Anruf von Ayhan, den er wie seine Schwester bei der Polizei verschwiegen hatte, erwähnte er dabei. Beide Geschwister sprachen von Druck und Beleidigungen während der damaligen Vernehmungen. Die Verteidiger kündigten an, dass sie für Alpaslan und Mutlu demnächst Haftverschonung beantragen würden. K. G.

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