Berlin : Ein Anwalt muss auch Kaufmann sein

Am 1. Juli tritt die Reform der Juristenausbildung in Kraft. Sie soll den Nachwuchs besser auf den Kanzlei-Alltag vorbereiten. Doch schon jetzt steht sie in der Kritik

Roland Koch

SONDERTHEMA: RECHT & STEUERN

Seit Jahren schlagen die Anwälte Alarm. Die Ausbildung ihres Nachwuchses gilt als antiquiert, sie werde den tatsächlichen Anforderungen schon lange nicht mehr gerecht. Denn das Ziel eines Jura-Studiums ist nach wie vor der Richterberuf. Tatsächlich aber landen 80 Prozent der Absolventen mehr oder weniger freiwillig in Kanzleien. Die Anwaltschaft forderte deshalb seit langem neue Ausbildungsinhalte – und, was lange auf sich warten ließ, wird in wenigen Tagen Realität: Am 1. Juli 2003 gelten die neuen Regelungen für die Juristenausbildung. Doch statt des ersehnten Aufatmens gibt es jetzt erneuten Protest. Die Reform gilt als halbherzig. Der Berufsstand sieht einer Flut schlecht vorbereiteter Anwälte entgegen.

Dabei zielt der Kern der Reform darauf, Juristen besser auf den Beruf des Anwalts vorzubereiten. So wurde beispielsweise die Dauer der obligatorischen Referendariatsstation beim Anwalt von vier auf neun Monate erhöht. Wer will, kann seine viermonatige Wahlstation ebenfalls dort verbringen, so dass 13 von insgesamt 24 Monaten praktischer Ausbildung künftig in einer Kanzlei erfolgen können.

Und die Reform der Ausbildung setzt bereits bei den Unis an. Die Studenten sollen auch hier stärker berufsqualifizierend ausgebildet werden. „Schon im Grundstudium vermitteln wir jetzt Schlüsselqualifikationen wie Verhandlungsführung, Mandantengespräch oder Mediation“, sagt Andreas Fijal, der Studiendekan des Fachbereichs Rechtswissenschaft der FU Berlin.

Darüber hinaus wird an den Unis die Vermittlung von mehr Fremdsprachenkompetenz gefordert. Jura-Studenten der FU können ab dem Wintersemester 2003 / 2004 wählen, ob sie einen speziellen Sprachkurs belegen, fremdsprachliche rechtswissenschaftliche Kurse besuchen oder für ein bis zwei Semester im Ausland studieren.

Auch ein Teil der ersten juristischen Prüfung wird vom Staat an die Unis zurückdelegiert. „Das begrüßen wir zunächst sehr“, sagt Fijal. „Allerdings bekommen wir dafür nicht die entsprechenden Sach- und Personalmittel.“ Die Unis bleiben auf dem Mehraufwand sitzen. So sei die gesamte Reform ein Schritt in die richtige Richtung, gehe aber nicht weit genug. „Die Reform ist auf halbem Weg stecken geblieben“, sagt Fijal. „Wir begrüßen sie, setzen sie um, denken sie aber auch weiter, denn richtig zufrieden stellen kann sie niemanden.“

Leitfaden für die Ausbildung

Dass diese Maßnahmen nicht ausreichen, meint auch Uwe Kärgel, der Vorsitzende des Berliner Anwaltsvereins. „In Deutschland gibt es mittlerweile 127 000 Rechtsanwälte“, sagt er. „Jedes Jahr kommen gut 8000 dazu, gebraucht wird höchstens die Hälfte von ihnen.“ Die Luft auf dem Markt werde immer dünner, und auf diesen Wettbewerb bereite ein Studium und das anschließende Referendariat nicht ausreichend vor. „Den Nachwuchs-Juristen fehlt insbesondere die Vermittlung praktischer Fähigkeiten, die für die Kanzleiführung oder die Verhandlungen mit Mandanten und Geschäftspartnern aus der Wirtschaft notwendig sind“, meint Kärgel. Das treffe gerade die Berufsanfänger, die heute bereits überproportional ihre Zulassungen wieder aufgeben müssten.

Der Deutsche Anwalt Verein (DAV) hat deshalb das Zepter selbst in die Hand genommen und eine eigene Ausbildung entwickelt. Diese DAV-Ausbildung ist praktisch ein Leitfaden, mit dem die Inhalte des Referendariats festgelegt werden. Sie dauert zwölf Monate und findet in einer Kanzlei statt, die die Ausbildungskriterien des DAV erfüllt. Die teilnehmenden Nachwuchs-Juristen durchlaufen sie als Referendariatszeit.

Dort lernen die Referendare von der Büroorganisation über das Mandantengespräch, das Verfassen einer Klageschrift bis hin zum Kanzleimanagement alles, was sie nach Meinung des DAV für den Alltag als selbstständiger Anwalt brauchen. „Genau diese Definition der Inhalte ist für eine qualitativ hochwertige Ausbildung nötig“, sagt Kärgel, „aber vom Gesetzgeber nicht aufgegriffen worden.“

Bundesweit haben bereits 600 Kanzleien ihr Interesse an der Ausbildung geäußert – gut 60 davon aus Berlin. „Der Vorteil für die ausbildenden Anwälte liegt darin, dass sie ihren Referendaren sehr früh verantwortungsvolle Aufgaben übertragen können“, wirbt Kärgel. Schließlich würden die Referendare zielgerichtet auf eine Tätigkeit als Anwalt vorbereitet. Der DAV erwartet im ersten Jahr bundesweit 150 teilnehmende Nachwuchs-Juristen, im zweiten Jahr 400.

Neben diesen praktischen Teil der DAV-Ausbildung tritt ein dreimonatiger theoretischer Kurs, der von den Referendaren auch bezahlt werden muss. „Da der Kurs vom DAV ohne Gewinnerzielungsabsicht organisiert wird, halten sich die Kosten im Rahmen“, sagt Cord Brügmann, einer der Geschäftsführer des DAV. Denn er wird nicht als Präsenzkurs konzipiert, sondern als Fernunterricht stattfinden. „Dadurch werden die Kosten voraussichtlich maximal 2700 Euro betragen.“ Die genaue Höhe wird von der Nachfrage abhängen.

Da der Theoriekurs nicht an einen bestimmten Zeitpunkt der Ausbildung gebunden ist, kann er der Referendariatsphase auch vorweggeschickt werden. „Zum Beispiel kann man die Wartezeit auf den Referendariatsplatz dafür nutzen“, sagt Brügmann. „Dann geht man auch besser vorbereitet in den praktischen Teil seiner Ausbildung.“ Bescheinigt wird die DAV-Ausbildung mit einem speziellen Zertifikat. „Das ist neben dem zweiten Staatsexamen ein eigenes berufsbezogenes Abschlusszertifikat“, ergänzt Kärgel. „Und wird später unter Umständen ein Wettbewerbsvorteil.“

Doch den ersten Schritt müssen die angehenden Juristen selbst machen. „Wer heute als Anwalt Fuß fassen will, muss ein hohes Maß an Eigeninitiative mitbringen“, meint Uwe Kärgel. Der Wettbewerb werde weiter an Schärfe gewinnen – und „wer da lediglich gesetzliche Vorschriften erfüllt, hat nicht gerade die besten Karten in der Hand.“

Infos zur DAV-Ausbildung im Internet unter: www.dav-anwaltausbildung.de oder beim DAV, Littenstraße 11, 10179 Berlin.

Am 30. Juni findet an der FU Berlin, Henry-Ford-Bau, Garystraße 35, von 17 bis 19 Uhr eine Podiumsdiskussion zur Ausbildungsreform statt. Veranstalter ist die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Juristinnen und Juristen. Eingeladen ist auch die Berliner Justizsenatorin Karin Schubert.

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