Berlin : Ein beispielloses Kommen und Gehen

LORENZ MAROLDT

1,5 Millionen Menschen ziehen nach Berlin - die Stadt schrumpft trotzdem / Mit dem Parlamentsumzug entstehen 50 000 ArbeitsplätzeVON LORENZ MAROLDT BERLIN.Die Stadt Berlin steht vor einem beispiellosen Austausch ihrer Bewohner.Laut einer noch unveröffentlichten Studie des Instituts Prognos werden in zwölf Jahren etwa 1,6 Millionen der heute knapp 3,5 Millionen Berliner nicht mehr hier leben.Dafür aber werden in derselben Zeit fast ebensoviele Menschen neu in die Stadt kommen.Das Gesicht Berlins wird sich allerdings im Zuge dieses Kommens und Gehens völlig verändern: Während überwiegend Familien die Stadt verlassen, kommen viele Alleinlebende her. Prognos-Bereichsleiter Lothar Mahnke hält dieses Ergebnis der Studie für außergewöhnlich.Zwar waren die Wanderungsbewegungen bekannt, aber das Ausmaß hat ihn selbst überrascht.Der Berechnung zufolge wächst Berlin auch nicht, wie vielfach angenommen wird, sondern schrumpft: Im Jahr 2010 leben in der Stadt weniger als 3,4 Millionen Menschen - vor zwei Jahren waren es noch fast 3,5 Millionen.In Brandenburg steigt dagegen die Zahl der Einwohner weiter - auf fast 2,7 Millionen innerhalb der nächsten zwölf Jahre.Allein 400 000 neue Brandenburger sind dann alte Berliner; sie lassen sich fast ausschließlich gleich vor den Toren der Stadt nieder und zahlen auch dort ihre Steuern.Von Brandenburg nach Berlin ziehen in derselben Zeit etwa 200 000 Menschen, von denen der weitaus größte Teil aus den Randgebieten kommt. Für Brandenburg bedeutet dies, daß die peripheren Regionen wirtschaftlich nicht zu retten sind, der sogenannte Speckgürtel um Berlin herum dagegen immer fetter wird - mit den entsprechenden Ausstattungsproblemen: Es werden schon bald Schulen und Läden fehlen, das Netz des öffentlichen Nahverkehrs ist zu grob. Fast eine halbe Millionen Neu-Berliner werden der Studie zufolge aus den alten Bundesländern nach Berlin kommen.Die Zahl der Zuwanderer aus dem Ausland steigt ebenfalls weiter.Etwa 50 000 Menschen, die im Zuge des Regierungsumzugs (verteilt über sieben Jahre) nach Berlin kommen, bringen ihre eigenen Arbeitsplätze mit: 20 000 im direkten Umfeld von Parlament und Regierung, 30 000 mit ihren nachziehenden Verbänden und als Lobbyisten. Etwa 80 000 neue Stellen werden im Dienstleistungssektor geschaffen.Die Hälfte davon ist mit dem Nachholbedarf Berlins im Vergleich zu anderen Ballungsgebieten zu erklären, die anderen 40 000 sind eine indirekte Folge des Regierungsumzugs.Insgesamt gibt Prognos-Bereichsleiter Mahnke Berlin gute Chancen, den Wandel von der Industrie zur Dienstleistung wesentlich besser und schneller zu schaffen als das Ruhrgebiet und das Saarland.

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