Ein Berliner in Rio : Der Freiräumer

Die Fassaden, das Lebensgefühl – wie im Berlin der 90er, sagt Till Harter. Damals schuf er das 103, die Bar Tausend. Nun macht er einfach das Gleiche – nur am anderen Ende der Welt.

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Bei der WM obenauf. Till Harter hat sich an diesem Sehnsuchtsort für vier Wochen eingemietet, um während der WM in Santa Teresa, Rio de Janeiro, Partys zu veranstalten. Plätze, sagt er, müssen Sinn ergeben. Und Rio zur WM, das ergab Sinn.
Bei der WM obenauf. Till Harter hat sich an diesem Sehnsuchtsort für vier Wochen eingemietet, um während der WM in Santa Teresa,...Foto: Philipp Lichterbeck

An manchen Tagen, sagt er, da ist es so klar, da kannst du bis ans Ende der Welt sehen. Das Ende der Welt, es liegt hinter dem Zuckerhut. Seit vier Wochen ist er das erste, was Till Harter sieht, wenn er am Morgen aus seinem Fenster sieht. Seit vier Wochen sieht Till Harter jeden Morgen aus diesem Fenster und denkt: Alles richtig gemacht.

Es sind Tage wie diese, für die er sich aus der Nacht verabschiedet hat. Für die er aus Berlin hierher gekommen ist. Nach Santa Teresa, einen Stadtteil in den Hügeln über Rio de Janeiro, wo er in einer Villa mit Sehnsuchtspanorama und Filmdivenpool wiedergefunden zu haben scheint, wonach er seit jeher sucht.

Mein Ding, sagt Till Harter an diesem Morgen über Rio, im Rücken wirklich diesen Postkartenkitschausblick, war es schon immer, Plätze zu schaffen. Er dreht sich ein bisschen, hin und her, damit auch der Besucher ein Gefühl für den Platz bekommt und fährt dann fort: Soziale Plätze, an denen sich Menschen begegnen, die etwas erzeugen. Eine Energie. Ein Lebensgefühl.

Till Harter findet Nischen, in denen er es anderen gemütlich macht. Im Grunde ist das sein Beruf, davon lebt er. In Rio jetzt, in Berlin früher. Harter, geboren in Freiburg, hat es kurz nach der Wende in den Osten gezogen. Mitte, Prenzlauer Berg. Das ganz große Freiheitsding damals. Neues Leben fand seinen Platz in den zugigen Resten der Träume, die zu sozialistisch gewesen waren, um noch real zu werden. Hinterhöfe, Klo eine Treppe tiefer. Alles ging. Und Harter ging mit.

Er machte das 103 groß, vielleicht war es auch umgekehrt

In die Nacht. Wurde erst Barmann, eröffnete bald seinen ersten eigenen Laden, Friedrichstraße 103. So gehörte Harter Mitte der 90er, zusammen mit Leuten wie Heinz Gindullis, den die Nacht nur als Cookie kennt, zu jener Gruppe von Raumzeitpionieren, die der Ausgehkultur in Berlins Mitte, dem Tanz der neuen Szenekinder, die ersten festen Orte schenkten. Im frühen Cookies oder Harters 103 kondensierte die Sehnsucht dieser Tage. Die Gäste, die Partys, sie waren weltoffen, in geschlossener Gesellschaft. Schon damals stieß Harter in die Lücken, die der Wandel gerissen hatte. Harter machte das 103 groß. Vielleicht aber war es genau umgekehrt.

Jahre später schuf er die Bar Tausend. Unter den Brücke am S-Bahnhof Friedrichstraße. Eine Bar, in deren Innern es aussieht wie in einem Fiebertraum Stanley Kubricks. Wieder so ein Platz, der das Ausgehen definierte. Harter, Menschenfänger auch, hatte viel richtig gemacht. Und doch spürte er 2011, Anfang 40 nun, dass es genug war. Dass da, mit ihm, bei ihm, etwas Neues passieren musste. Irgendwann, sagt Harter, stehst du als Szenegastronom nur noch in deiner Bar und schüttelst Hände: Guten Abend, wie geht’s? Grußonkelstunden. Er sagt: Ich habe da eine richtige Sozialmacke entwickelt. Er wusste: Wer sich von der Nacht schlucken lässt, muss einen Plan haben für den Moment, in dem sie ihn wieder ausspuckt.

Er verkaufte das Tausend, zog sich auch aus der Bar 103 in der Kastanienallee zurück. Er wollte nicht ausgespuckt werden, hilflos im plötzlichen Tageslicht.

Schon in den Monaten zuvor hatte er begonnen, für einen Freund zu arbeiten, den er, so ist das ja dann doch immer, im Tausend kennengelernt hatte. Claus Sendlinger, der mit seiner Design Hotels AG Oasen für jene globalen Nomaden schafft, die mit dem iPhone als Kompass um die Welt ziehen. Für ihn testete Harter Hotels. Es war auch das wieder: die Suche nach der Nische. Nach seinen Plätzen. Nur dass Harter statt zwischen den Brandmauern Berlins nun in den Hinterhöfen der Welt suchte. Und so erst in Mexiko und schließlich in Rio landete, wo er sich, gemeinsam mit Claus Sendlinger, für die Dauer der Weltmeisterschaft niedergelassen hat. Sie haben hier ein Guesthouse angemietet, das zu eben jener Villa mit Pool gehört. Sie haben hier an jedem Sonntag seit Beginn der Weltmeisterschaft eine Party gefeiert. Und sie haben diese Party Berlin de Janeiro genannt, weil das gleich global und sehnsüchtig klingt. Berlin am Meer. Harter und Sendlinger sagen auch nicht Weltmeisterschaft, sie sagen World Cup.

Rio zum World Cup, das ergab Sinn

Der Platz, den Harter hier gefunden hat, ist ein temporärer. Ein Pop-Up. Auftauchen und wieder verschwinden. Vorübergehendes Einnisten. Nichts anderes hat Harter im Berlin der 90er gemacht. Aber natürlich sagen er und Seidlinger nicht Pop-Up. An dem schweren Tor, durch das man von der Straße her in den Garten treten kann, wenn man darf, hängt deshalb eine Tafel aus Holz: Project Rio.

Plätze, sagt Harter, müssen Sinn ergeben. Rio zum World Cup, das ergab Sinn.

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Die Partys liefen gut. 400 Leute beim letzten Mal. Harter hat viele alte Freunde nach Rio geholt. Frank etwa, den DJ, der früher schon Musikdirektor im Tausend war und jahrelang Resident im Soulkitchen. Auch das, auch Frank: eine Legende. Und die Musik, sie schien irgendwann nicht mehr aus den Decks, sondern direkt vom Zuckerhut herüber zu wabern.

Harter stand an diesem Abend, leicht benommen, zwischen den Tanzenden und spürte: Der Platz ist richtig. Die Energie auch, die Reibung. Die Magie. Was natürlich an dieser Aussicht lag, bei Nacht von fast bedrückender Schönheit, aber auch an der Umgebung. Den Hügeln, dem Viertel. Santa Teresa, ein Dorf, eine Welt für sich, könnte als Ort für einen wie Harter kaum passender sein. Die Häuser, verfallen mitunter, in Straßen, die aussehen, als wäre die Reise den Berg hinauf, über Steilhänge aus Kopfsteinpflaster, auch eine durch die Zeit. Hinein in die 60er Jahre.

Die Fassaden, das Lebensgefühl, wie im Berlin der 90er Jahre

Santa Teresa, einst ein reiches Viertel, jahrelang ignoriert, war zwischendurch Angstbrache, Gefahrenort, wegen der Favelas drumherum. Ist heute, wiederentdeckt, Abenteuerspielplatz der Bohème. Die Menschen sprechen anders, kleiden sich anders, denken auch anders, linker, politischer als viele Brasilianer am Fuße des Berges.

„Die Fassaden und das Lebensgefühl“, sagt Harter, „das lässt sich schon mit dem Berlin der 90er Jahre vergleichen.“ Da fühlte er sich gleich Zuhause.

Bleiben wird er jedoch nicht. Santa Teresa, das war für ihn auch: ein Pop-Up- Monat. Harter fliegt bald zurück. Da ist es natürlich jetzt der genau richtige Zeitpunkt für den längst überfälligen Vergleich. Rio – Berlin. Da muss er jetzt durch. Also überlegt Harter kurz und sagt dann: „Berlin ist eine Kopfstadt. Rio kommt eher so aus dem Bauch. Samba gegen Techno. Ganz einfach. Rio ist halt der Beach, der Rhythmus.“ Und fast wirkt er wehmütig, bis er schließlich doch noch einen schönen Hauptstadtsatz sagt: „Aber Berlin ist ja, Gott sei Dank, eine Stadt, auf die man sich immer freuen kann.“ Hinten der Zuckerhut, der Blick noch mal weit. Harter geht. Berlin, das ist noch nicht das Ende der Welt.

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