• Ein Besuch im Offenen Kanal anläßlich seiner 88sten Sendung - Improvisation und Pannen sind das Markenzeichen des Entertainers

Berlin : Ein Besuch im Offenen Kanal anläßlich seiner 88sten Sendung - Improvisation und Pannen sind das Markenzeichen des Entertainers

Thomas Loy

Die Show läuft einfach zu glatt heute. Alle Künstler sind rechtzeitig erschienen, die Kameraleute machen keinen Unsinn, und niemand kaut an seinem Abendbrot.

Letzteres ist streng verboten, steht an der Regietür, und wird mit sofortigem Sendeabbruch geahndet. Schon sechs Minuten vor dem regulären Ende läutet Dido das große Finale ein. Wer mal ins Fensehen will, soll auf die Bühne kommen. Dann quatscht der Moderator die Zeit tot. "Im nächsten Jahrtausend sehen wir uns wieder" - "Wünsch euch ein frohes neues Jahr". Die Zeit gibt noch nicht auf. Jemand kommt auf die Idee, "Auf Wiedersehen" zu singen.

Weil niemand den richtigen Text kennt, bricht die Sängerfront schnell zusammen. Dido wird jetzt politisch: "Nächstes Jahr haben wir dann den Euro, dann gehen sowieso alle baden." Politiker sollten ihr Gehalt um 90 Prozent kürzen, regt Dido an. Als er auf die "komischen abgesetzten Senatoren in Berlin" zu sprechen kommt, setzt endlich der Abspann ein. "Didos Musikshow", die 88ste in 11 Jahren, die letzte in diesem Jahrtausend, wie immer live im Offenen Kanal Berlin, ist vorbei.

Dido, in Film und Fernsehkreisen auch unter Dieter Dost bekannt, ist Musik-Moderator und Kleindarsteller, Stuntman, Boxer, gelernter Betonbauer und Soldat. Auf 25 verschiedene Berufe dürfte er es bisher in seinem Leben gebracht haben, schätzt Regisseur Ingo Haeb, der einen Dokumentarfilm über den 1,61 Meter großen Mann mit dem wandelbaren Charaktergesicht gedreht hat und alle 88 Musikshows kennt.

Ein Leben wie in der Klamotte

Wenn Dido seine Lebensgeschichte erzählt, klingt es wie das Skript zu einer turbulenten Klamotte mit Happy End. In Wedding während des Krieges aufgewachsen, verschlug es ihn in den Sechzigern nach Bremen. Dort übernahm er die Kneipe "Jägerstube", auf die bald "Schlägerstube" gereimt wurde. Irgendwann geriet er an die Fremdenlegion, zog durch Afrika, machte sich schließlich wieder aus dem Staub und heuerte auf dem Bau an. Im Iran schuftete er am Rohbau des "größten Atomkraftwerkes der Welt", bis der Schah gestürzt wurde und "die Russen weitermachten". Dido musste dann sowieso weg, weil er sich in eine Perserin verliebt hatte, und das neue Regime derartige Verbindungen bekanntlich nicht sehr schätzt.

In den Achtzigern sattelte Dido schließlich auf Film um, nahm Abendkurse bei Ida Ehre und Gert Fröbe und wirkte in Streifen wie "Papa was a Rolling Stone" oder "Vaterland" mit. Meist spielt er Penner, Hausmeister, Underdogs oder kleine Gauner. Auf die Frage, warum sein Leben bisher eher untypisch verlief, verschwendet Dido keinen Gedanken. Für das Szene-Magazin "Prenzelberger" schreibt er an seinen Erinnerungen. Solche kontemplativen Übungen sind für ihn noch ungewohnt. Didos Studio-Team ist ein Ensemble aus Rentnern, Kumpels vom Bau und der erweiterten Familie. Der Wunsch, seiner bauchtanzenden Tochter einen Fernsehauftritt zu verschaffen, brachte alles ins Rollen. Die ersten Interpreten suchte er über Kleinanzeigen. Inzwischen kommen sie von alleine, "aus Belgien, Holland, Mönchengladbach, Köln", zählt Dido auf. Zum Beispiel Wolfgang-Petri-Double Harald, der mit seinen langen braunen Locken, offenem Hemd und Glanzlederhose besser aussieht als das Original. Auf der völlig schmucklosen Bühne zieht er eine hitparadentaugliche Show ab. "Ist der süß", raunt es im weiblichen Studiopublikum.

Dido interessiert sich für seine Studiogäste nur am Rande. Songtitel und Namen wirft er munter durcheinander. Das Mikro hängt bei den "Interviews" zeitweilig auf Halbmast, während er selbst gelangweilt in die Kamera schaut. Tödliche Anfängerfehler wie verhedderte Kabel oder Abgänge durch das Kamerabild gehören zu Didos Markenzeichen. Ist eben live, sagt der Showmaster grinsend. Niemals würde er Probeläufe machen oder gar Text auswendig lernen.

Barbara im Gold-Knopf-Jackett, Typ Hannelore Kohl, singt dann noch "Bon jour, mon amour" und lässt klassisch-elegant das Mikrokabel durch die Finger gleiten. Schließlich kommt das DDR-Schlagerduo Gaby Rückert und Ingo Koster zu Gehör mit "Lass alles, wie es war." Dido findet den Spruch nicht so gut, klingt verdächtig nach Ostalgie. Trotzdem darf Gaby auf ihre CD "Die größten Erfolge" hinweisen.

Weil noch Zeit ist, greift der 63-Jährige in seine eigene Schatzkiste und kühlt die Stimme auf Country & Western herunter. "Es war in einer Regennacht - Yipp yahoo. Die Nachtgeister ziehen vorbei."

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