Berlin : Ein Bett im Kornfeld – hoch über der Stadt

Jugendliche betreiben in Marzahn eine Pension im Plattenbau. Zimmer gibt es ab drei Euro – mit Frühstück

Judith Jenner

Die dunkelgraue Fassade hebt sich kaum vom Novemberhimmel ab. Ein paar störrische Herbstblätter wehen in die engen Flure des Plattenbaus an der Wittenberger Str. 85 in Marzahn Nord. Auf den ersten Blick kein einladender Ort. Doch seit Mitte September zeigen hier Jugendliche, wie schön das Leben in der Platte sein kann. In der Pension „11. Himmel“, einer ehemals leer stehenden Fünf-Zimmer-Wohnung im elften Stock, können Besucher für eine Nacht Probe wohnen.

Übernachtungsgäste haben zum Preis von drei Euro inklusive Frühstück die Wahl zwischen der „Königinnensuite“ und dem „Bett im Kornfeld“. Während man im einen auf einem pompösen Himmelbett mit bestickten Vorhängen und weichen Kissen schläft und ein Zimmerspringbrunnen plätschert, liegt man im anderen auf Hängematten zwischen einer an die Wand gepinselten Sommerlandschaft. In einer kleinen Bibliothek stehen Bücher von Heine bis Poe. Morgens kann man das Frühstück aufs Zimmer kommen lassen oder es im Jugendcafé im Erdgeschoss einnehmen. Serviert wird es am Wochenende von den Jugendlichen, unter der Woche von den Sozialarbeiterinnen Marina Bikadi und Christine Otto.

„Wir wollen dazu beitragen, dass man unseren Kiez positiv sieht“, sagt Marina Bikadi. „Sicherlich gibt es soziale Probleme wie Arbeitslosigkeit, aber die schönen Seiten Marzahns werden oft vergessen.“ Der faszinierende Blick bis nach Brandenburg etwa und die Nähe zur Natur. Finanziert wird das Projekt bis Jahresende von der Bundesinitiative „wir... hier und jetzt“, die die berufliche Entwicklung Jugendlicher in Berlin und den neuen Bundesländern fördert. Die Wohnung stellt die Wohnungsbaugesellschaft DEGEWO kostenlos zur Verfügung.

Sarah, zwölf Jahre alt, und Daniel, 14, wollen in Marzahn wohnen bleiben. „Gleich hier unten ist ein Einkaufszentrum mit Bowling-Bahn. Und dort hinten“, sagt Daniel und zeigt aus dem Fenster „ist ein Kletterfelsen und der Ahrensfelder Berg, wo man super spielen kann.“ Gemeinsam mit acht weiteren Kindern kümmern sie sich in der Pension um die Gäste, machen die Betten, bereiten das Frühstück zu und putzen. In Zweier-Teams sind sie fast jeden Nachmittag vor Ort. Probleme, zum Beispiel wenn jemand seinen Aufgaben nicht nachkommt, besprechen sie in Sitzungen.

„Für die Jugendlichen eine tolle Gelegenheit, Verantwortung zu üben und über ihre berufliche Zukunft nachzudenken“, sagt Sozialarbeiterin Marina Bikadi. Die elfjährige Jenny kann sich gut vorstellen, einmal in einem richtigen Hotel zu arbeiten.

Gut 80 Gäste haben die Platte seit September besucht. Darunter zum Beispiel ein Brautpaar aus Reinickendorf, dass seine Hochzeitsnacht dort verbringen wollte, wo sie niemand vermutete. Oder eine amerikanische Autorin, die ein Buch über Marzahn schreiben möchte. Anfragen kommen aber auch aus Wien oder Nürnberg. Viele Gäste nutzen den Ausflug nach Marzahn als originelle Geburtstagsüberraschung. „Die Wochenenden sind bereits bis Ende des Jahres ausgebucht, aber unter der Woche sind noch Termine frei,“ sagt Marina Bikadi.

Durchs Küchenfenster sieht man Kräne in den Himmel ragen. Hier entsteht auf abgetragenen Plattenbauten die Wohnanlage Ahrensfelder Terrassen. Auf Wunsch bieten die Jugendlichen Pensionsgästen Führungen durch die Umgebung. „Wer mit dem Gedanken spielt, nach Marzahn zu ziehen, kann bei uns testen, ob ihm die Gegend gefällt“, sagt Marina Bikadi.

www.pension-11himmel.de

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