Berlin : Ein Bett im Rathaus

Kaum in Berlin im Amt angekommen, waren die Lebensgewohnheiten schon in der Zeitung zu lesen

Hans-Jochen Vogel

Der Autor war von Januar bis Mai 1981 Regierender Bürgermeister von Berlin.

Die (West-)Berliner Zeitungslandschaft und die dort tätigen Journalisten habe ich während meiner Münchner und meiner Bonner Jahre nicht besonders deutlich wahrgenommen. Das änderte sich schlagartig, als ich im Januar 1981 praktisch von einem Tag auf den anderen nach Berlin kam, weil sich die Stadt und nicht minder meine Partei in einer kritischen Situation befanden, und ich zu denen gehörte, die es in einer solchen Lage nicht bei der verbalen Bekundung ihrer Solidarität bewenden lassen wollten.

Eine der ersten aus der Berliner Redaktion, auf die ich damals aufmerksam wurde, war Brigitte Grunert. Sie stellte mir schon bei der ersten Begegnung sehr konkrete Fragen und war offenbar über alles, was im Schöneberger Rathaus vor sich ging, bis ins Detail im Bilde. So wusste sie bereits zwei Tage nach meinem Amtsantritt in Berlin darüber Bescheid, dass ich schon um 6.30 Uhr in mein Büro gekommen war und mir außerdem Bettwäsche kommen ließ, um – wenn sich die Arbeit am Abend zu lange hinzog – auf einer im Nebenzimmer noch von Willy Brandt her vorhandenen Liege übernachten zu können. Auch meine seinerzeit recht spartanischen Ernährungsgewohnheiten blieben ihr nicht verborgen.

Das war dann auch am nächsten Tag ebenso korrekt wie minutiös im Blatt zu lesen. Ohne Häme zwischen den Zeilen, zu der der Sachverhalt wohl den einen oder anderen von der schreibenden Zunft gereizt hätte. Eben sachlich, mit der nötigen Distanz und zugleich Information darüber, welche Eigenheiten der neue Mann mitbrachte. Etwa, dass er zum Frühstück mit „Knäckebrot, Marmelade (ohne Butter), Tee, Joghurt, Mandarine und Apfel auskam." Dieser erste Eindruck hat sich dann in den weiteren Monaten meiner Amtszeit voll bestätigt.

Brigitte Grunert zeichneten dieselben Eigenschaften aus, wenn sie über politische Zusammenhänge, über die Inanspruchnahme einer vom Land geleisteten Bürgschaft berichtete, die damals die Gemüter erregte. Gleiches galt, wenn sie über Details der Hausbesetzerproblematik berichtete. Meistens hatte sie interessante Informationen auch früher als ihre Kolleginnen und Kollegen von den anderen Blättern in der Stadt. Stets war sie präsent, bohrend in ihren Fragen, kritisch in ihrem Urteil, wenn es ihr geboten erschien und unaufgeregt. Sie ließ sich auch von niemandem vereinnahmen. Orientiert hat sie sich an dem, was sie für das Gesamtwohl der Stadt hielt. Und auf ihre Weise hat sie für mich auch den Überlebenswillen Berlins verkörpert.

Für all das möchte ich Brigitte Grunert am Tag ihres Eintritts in den Ruhestand einmal mehr meinen Respekt bekunden und sehr herzlich danken.

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