Berlin : Ein Bier im Gleisbett

Ob mitten auf der Kastanienallee, am Rand des Alexanderplatzes oder vor dem Hauptbahnhof: Spontane Sit-ins sind der Hit des Sommers

André Görke,Annette Kögel

Noch nie war Berlin so offen wie diesen Sommer. Selbst wenn es mal regnen sollte, setzen sich die Leute raus unter Markisen und Sonnenschirme. Doch schon vom Wochenende an soll es wieder die altbekannten 30 Grad des Jahrhundertsommers 2006 geben – und die Berliner werden ihre Stadt wieder zu einem einzigen großen Biergarten machen. Ein Stadtbummel.

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Im Sommer liegt der Alexanderplatz in der Karibik. Unter den Bäumen am Platz entlang der Grunerstraße treffen sich die Latinos Berlins. Sprich: Menschen spanischen beziehungsweise südamerikanischen Ursprungs, Berliner mit Wurzeln in der Karibik. Da wird der Ghettoblaster mit Merengue- oder Bachata-Musik angestellt und auch mal die Hüfte geschwungen. In der Kühle des Baumschattens spielen sie gemeinsam Brettspiele und klönen. Und der eilig vorbeihastende Passant bremst ab. Hält inne: Urlaub, mitten in der City.

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Ein paar Kilometer weiter westlich wird das Grün am Landwehrkanal zu einer der dichtbesiedeltsten Liegewiesen der Stadt. Auf den Restaurantschiffen Van Loon und Iskele, im Biergarten des Italieners Il Casolare und des Cafés Schiff Ahoi ist sowieso nur schwer ein Platz zu finden. So wird selbst die Admiralbrücke zur Open-Air-Location. Radfahrer stoppen an der Brüstung und schauen sinnierend zu Schwänen und Schiffen. Zwei Musiker geben regelmäßig ein Gratis-Konzert mit Klassik und Kammermusik. Die von der Sonne aufgeheizten dicken Poller dienen als Hocker und strahlen selbst nachts um eins noch wunderbare Wärme ab. Jugendliche machen es sich einfach auf dem Asphalt gemütlich – und Wildfremde kommen miteinander ins Gespräch. Eine entspannte Stimmung wie bei der Fußball-Weltmeisterschaft.

Berlin hat immer geöffnet – auch an der Kastanienallee in Prenzlauer Berg. Hier gibt es allabendlich ein Sit-in auf den Gleisen. Die Gleisblockade ist aber völlig friedlich und hat ihren Grund: Bauarbeiten, vorübergehende Endhaltestelle. So holt man sich das Bier im Spätkauf, aus der Kneipe oder aus dem heimischen Kühlschrank und macht es sich im Gleisbett bequem. Summer in the City – da bleibt dieses Jahr niemand zurück.

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Ein später Abend in Charlottenburg, unter der Woche: Monoton zischen die Autos um den Ernst- Reuter-Platz. Hunderte Scheinwerfer umkreisen immer wieder die große Wiese, die umgeben ist von Asphalt und all den hohen Bürotürmen aus den Sechzigerjahren. Ein paar Studenten von der nahe liegenden TU haben sich hier abends noch einmal getroffen, liegen im hohen Gras, quatschen, der Autoverkehr ist so nah, und doch kaum zu hören. Einer der Jungs hat eine Flasche Weißwein aus dem Kühlregal von der Aral-Tankstelle gegenüber geholt. Sie starren in den weiten Himmel, gucken in die Sterne. Endlich Feierabend, mitten in der Großstadt.

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Auf dem Weg zur „Helden der Nacht“- Party im Opernpalais, es wird krachend laut und verdammt lang. Man läuft über den großen Platz zwischen Kanzleramt und Paul-Löbe-Haus („Hat der eigentlich einen Namen?“ „Ja – eigentlich Bundesforum.“), bleibt vor den Wasserfontänen stehen, die synchron zwischen den Steinplatten hervorsprudeln. Das Areal ist nur karg beleuchtet, die Politik schläft, Autos rollen kaum noch, seitdem alles unterirdisch viel schneller geht. Zwischen den Fontänen hüpfen ein paar Jugendliche hin und her, weichen den Spritzern aus, es wird gejohlt, gekreischt, gelacht. Ab und zu wird „Angiiiiee!“ gegrüßt, kommen Mädchen vorbei, wird der Wasserstrahl ein bisschen umgelenkt. Auf den neuen Holzbänken nebenan, unter den Bäumen vor der Schweizer Botschaft, knutscht ein Pärchen. Vielleicht ist es einfach so: Wenn die Touristen am Abend verschwinden, kehrt selbst hier die Normalität ein. Dann kommt der Berliner.

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Dumpfe Bässe dröhnen es aus einem Auto, in dem ein junger Typ sitzt und betont cool und mit heruntergelassenen Scheiben am Hauptbahnhof vorbeirollt. 40, vielleicht 50 junge Menschen sitzen in kleineren Gruppen auf den Betonquadern zwischen der neuen Eingangshalle und der Spree, es ist ein furchtbar entspannter Ort – irgendwo zwischen Arbeitsstress und Disko. „Das Wetter ist zu schön, um drinnen zu sitzen, wir sind am Hauptbahnhof“, sagt ein junger Mann in sein Handy. „Nee, hier sind auch keine Penner, die sind am Bahnhof Zoo. Hier alles sauber.“ Neben ihnen stehen ein paar „Beck’s Gold“-Flaschen, notfalls ist der Supermarkt gleich nebenan. Man prostet den blonden Frauen nebenan zu, manche sind Touristinnen und starren verzückt auf die Lichter der Großstadt. Alle haben ein Ziel: Irgendwann die frische Luft hinter sich zu lassen und sich in die Clubs zu stürzen. Vom Hauptbahnhof nach Mitte geht fast alles mit einem Drei-Euro-Taxi. Wie fernab ist doch der Bahnhof Zoo.

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