Berlin : Ein Bild von einem Baum am Breitscheidplatz

Rainer W. During

Die Gäste aus der Pfalz blickten irritiert. Die prächtige Nordmanntanne, die sie als Weihnachtsbaum für den Breitscheidplatz gebracht hatten, lag noch auf dem Tieflader. Da drückte ihnen jemand schon ein Protest-Flugblatt in die Hand: Andreas Roy, der berüchtigte Kirchenstörer. Vor Jahresfrist hatte dieser mit einem Komplizen den Christbaum auf dem Breitscheidplatz geköpft. Diesmal wolle er nur mit der „geistigen Säge“ arbeiten, verkündete Roy. Gleichwohl: „Wir hoffen, dass der Baum bewacht wird“, sagten die verwunderten Pfälzer. Die Polizei indes will keine Beamten vor der 20 Meter hohen Tanne postieren.

Um die Lieferung des Baumes hatte sich die Gemeinde Otterberg bereits im Mai beworben, aber erst im September den Zuschlag erhalten. Der Berliner Schaustellerverband als Veranstalter des Weihnachtsmarktes auf dem Breitscheidplatz hatte erst das bayerische Oberstdorf favorisiert, aber dort musste man bei der Suche nach einem geeigneten Baum passen. Die Pfälzer aber wurden auf einem Privatgrundstück im Herzen des Ortes Neuhemsbach fündig. Dort hatte die vor 27 Jahren gepflanzte Nordmanntanne lange Zeit im Schatten der 265 Jahre alten Schlosskirche als Christbaum gedient. Doch zuletzt scheiterte die jährliche Schmückung an der zunehmenden Höhe der Tanne. Und weil ihre ausladenden Äste längst in die Straße ragten, waren die Tage des Baumes ohnehin gezählt, berichtete Bürgermeister Armin Obenauer. So stimmte die Besitzerin letztlich der Fällung zu.

Jeden einzelnen Ast hatten die Pfälzer für den Transport verschnürt, damit dem guten Stück auf der 24-stündigen Reise nach Berlin auch keine Nadel geknickt werde. Problemlos hievte dann ein Autokran den Koloss auf seinen Standplatz neben der Gedächtniskirche. „Astrein“ kommentierte ein Berliner, der den Baum mit den wenig schön gewachsenen Exemplaren vergangener Jahre verglich.

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