Berlin : Ein Bild von einem Berliner

Das Porträt des Sängers Dietrich Fischer-Dieskau schmückt nun die Galerie der Ehrenbürger. Er hat sich sogar wiedererkannt

Ulrich Zawatka-Gerlach

Bevor er in den Festsaal schreitet, nimmt sich Dietrich Fischer-Dieskau ein paar Minuten Zeit, um die Porträts der anderen Ehrenbürger zu studieren. In der Galerie des Berliner Parlaments, wo er bald selbst zu sehen sein wird. Den Kunstsammler Heinz Berggruen, „nein, den hätte ich auf dem Bild nicht erkannt“. So kann es einem gehen, wenn man ehrenhalber ausgestellt wird.

Eine halbe Stunde später an diesem Montag ist Fischer-Dieskaus Porträt enthüllt. Der Abgeordnetenhauspräsident Walter Momper muss sich ein bisschen recken, um das weiße Tuch gemeinsam mit dem großen Sänger von der Staffelei zu reißen. Der Ehrenbürger schaut nicht einmal genau hin, er kennt das Ölbild ja schon zur Genüge. Aber er ist vergnügt und zitiert den Sängerkollegen Johann Nestroy, wenn auch nicht wortgetreu: „Wenn alle Stricke reißen, dann möchte ich hier aufgehängt sein.“ Nämlich in der Ehrenbürgergalerie des Abgeordnetenhauses. Auch der leibhaftige Berggruen, der zum kleinen Empfang im Landesparlament eingeladen war, applaudiert und erkennt, wie die anderen Gäste, den porträtierten Fischer-Dieskau auf Anhieb.

Der erzählt munter, in Gegenwart der Malerin Edda Grossmann von deren Bemühen, „deutend und illustrierend“ seine Persönlichkeit „mit all’ meinen Nebeninteressen“ einzufangen. Wobei er den Verdacht habe, so fügt der Sänger im Ruhestand hinzu, „dass im Nachhinein etwas nachgearbeitet wurde, um die Ähnlichkeit zu erhöhen“. In ihrer kurzen Replik lässt die Künstlerin erkennen, dass sie dies eher als Kompliment denn als Kritik versteht. Sie erklärt in Kürze den Schaffensprozess beim Malen eines Porträts und „dass man im Sehen fühlen und im Fühlen sehen kann“. Dann wird ein Gläschen Sekt getrunken.

Zuvor hatte der Parlamentspräsident Momper eine artige Laudatio gehalten auf den „Weltstar der Konzertsäle und Opernhäuser“, der aber niemals die Bodenhaftung verloren habe und immer ein Berliner geblieben sei. Der kleine Festakt, gestern Mittag im Abgeordnetenhaus, sei wohl eine der wenigen Enthüllungen, über die man sich in allen Fraktionen freue. Da lachten auch alle. Diese Enthüllung kam spät, aber nicht zu spät. Der Senat und das Parlament hatten Fischer-Dieskau die hohe Auszeichnung am 6. Dezember 2000 verliehen.

In diesem Jahr wird der 110. Ehrenbürger Berlins 80 Jahre; was man ihm wirklich nicht ansieht. „Ich hoffe“, sagt Fischer-Dieskau verschmitzt, „dass sich mein Porträt in der erlauchten Umgebung nicht unsicher fühlen wird.“ In den nächsten Tagen wird es fachgerecht angebracht. Schräg gegenüber, auf dem langen Flur der Ehrenbürgergalerie, hat ihn Hans-Dietrich Genscher fest im Blick. Und neben dem Neuling hängt, ein wenig kleiner, aber farblich und stilistisch passend – Heinz Berggruen.

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