Berlin : Ein bisschen Beten reicht nicht

Anna Bilger

Die Sonne scheint, die Vögel singen und die Kirchenglocken läuten. Es ist der vierte Sonntag der Passionszeit, der den Namen Laetare, lateinisch für „Freue dich“, trägt. Ein friedlicher Sonntagmorgen. Jedenfalls in der Stephanus-Kirche an der Hochbaumstraße in Zehlendorf, wo etwa sechzig Gottesdienstbesucher zusammengekommen sind. Dass es in anderen Teilen der Welt im Moment alles andere als friedlich zugeht, macht den Mitgliedern der Stephanus-Gemeinde zu schaffen. „Gib uns Frieden jeden Tag, lass’ uns nicht allein. Du hast uns dein Wort gegeben, stets bei uns zu sein“, schallt es durch die Kirche. Zwei kleine Mädchen entzünden Kerzen am Altar und tragen sie hinaus zum Kindergottesdienst.

Die Predigt dreht sich zunächst nicht um den Frieden in unseren Tagen. Pfarrer Menn spricht über das 12. Kapitel des Johannes-Evangeliums, aus dem er zuvor gelesen hatte. Einige Griechen kommen auf ein Fest, nur um Jesus zu sehen. Dieser sieht darin ein Zeichen: die Menschen beginnen, ihn zu verherrlichen. Jesus spricht: „Wer sein Leben lieb hat, der wird es verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird es erhalten zum ewigen Leben.“

Das klingt sehr hart: das eigene Leben hassen? Natürlich sei das nicht leicht, meint Pfarrer Menn, „eben weil wir uns selbst so wichtig nehmen und etwas gelten wollen“. Mehr Bescheidenheit und Gehorsam gegenüber Jesus seien nötig. Gott und seinen Sohn ein bisschen anzubeten, das reiche nicht aus. Um in der Nachfolge Christi zu leben, bedarf es der konkreten, praktischen Umsetzung des Glaubens. „Rufe noch heute jemanden an mit dem du Streit hattest, auch wenn es schwer fällt“, fordert der Pfarrer von den Gläubigen. So werde ein konkretes Signal der Vergebung gesendet. Wie auch Jesus seinen Peinigern vergab. Ein solcher Schritt bedeutet, „dass eigene Leben loszulassen und es in die Hand Gottes zu legen“, sagt Pfarrer Menn. Wie auch Jesus auf Gott vertraute und nicht auf das irdische Leben.

Der Frieden auf Erden aber ist seit vier Wochen in dieser Gemeinde jeden Sonntag ein Thema – beim Friedensgebet im Anschluss an den Gottesdienst. Zwölf Menschen sitzen diesmal beisammen, beten erst still und dann gemeinsam laut. Für Stärke in Zeiten der Angst und Hilflosigkeit, für die Unschuldigen in diesem Krieg, für Frieden im Irak und auf der Welt. Dann treten sie gemeinsam hinaus – in den friedlichen Sonntagmorgen.

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