Berlin : Ein bisschen Klassenkampf vor dem Roten Rathaus

Etwa 8000 Teilnehmer kamen zur Mai-Kundgebung. Gewerkschaft kritisiert Hartz IV und Ein-Euro-Jobs

Sabine Beikler

Einen 1. Mai ohne Gewerkschaften? „Nee, das kann ich mir nicht vorstellen“, sagt Klaus Büchner und schüttelt energisch den Kopf. Der 49-Jährige steht am Sonntag kurz vor elf Uhr mit BVG-Kollegen vor dem Roten Rathaus, trinkt ein kühles Blondes und wartet auf die Kundgebung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB).

Büchner, gebürtiger Weddinger, ist seit seiner Jugend in der Gewerkschaft, früher ÖTV, seit 2001 Verdi. „Ich bin schon als kleiner Junge mit Großvater und Vater auf den Mai-Demos mitgelaufen“, sagt er stolz. Heute arbeitet er in der U-Bahnwerkstatt der BVG und sieht, wie Arbeitsplätze abgebaut werden, wie er mit sechs bis acht Prozent weniger Lohn auskommen muss. „Deshalb brauchen wir die Gewerkschaften, für Arbeitsplatzsicherung und damit nicht noch mehr Lohn weggeht.“ Büchner hat ein Monatsnetto von 1400 Euro, seine Frau verdient dazu. „Man kann den Gürtel enger schnallen, aber irgendwann ist Schluss.“ Seine Kollegen nicken zustimmend. Einer spricht von „Raubtierkapitalismus“.

Ein Hauch von klassenkämpferischer Solidarität schwebt zwischen Würstchenbuden, Eiswagen, Biertheken, Infoständen von Gewerkschaften, Attac und linken Gruppen vor dem Rathaus. Gewerkschafter tragen T-Shirts mit Aufschriften wie „Keine Sicherheit ohne Tarifvertrag“, „Berlin ist Pleite“, halten Schilder hoch, auf denen „Ein-Euro-Jobs – Stellenabbau mit Steuermitteln“ oder „Kein Sozialabbau, sondern soziale Sicherheit“ steht. Langjährige Gewerkschafter sind dabei, aber auch junge Leute wie Katrin Ellinger, 21, Industriekauffrau und IG- Metallerin. „Wir kämpfen gegen Ausbeutung und gegen politische Vorgaben“, sagt sie und meint Hartz IV. „Zum Glück“ sei in ihrer Familie niemand von Hartz IV betroffen.

Als der DGB-Aufzug mit 5000 Teilnehmern vom Brandenburger Tor kurz vor zwölf am Rathaus ankommt, beginnt Olivier Höbel, der Vorsitzende des IG-Metallbezirks Berlin-Brandenburg-Sachsen, zu sprechen. Zusammen mit den Gewerkschaftern, die schon auf dem Platz sind, summieren sich die Zuhörer auf rund 8000 Menschen. Höbels Motto: „Du bist mehr als nur ’ne Nummer.“ Er kritisiert „Shareholder-Value-Kapitalismus“, sowie Mini- und Ein-Euro-Jobs als „Wege in die Tagelöhnergesellschaft“. Und er ruft unter Beifall in die Menge: „Es ist nicht akzeptabel, dass die kleinen Leute mit ihren Steuern das Land finanzieren, während die mit den starken Schultern immer stärker aus der Verantwortung flüchten, das Geld an die Aktionäre verteilen und den Arbeitnehmern die Löhne kürzen.“

Natürlich: Münteferings Kapitalismuskritik und „Heuschreckenschwärme“ dürfen nicht fehlen. Höbel fordert darüber hinaus Taten und „Alternativen“, bleibt Antworten darauf aber selbst schuldig. Die Zuhörer stört das nicht: Applaus bei der Forderung nach Einführung der Vermögenssteuer, „Stärkung der sozialen Sicherungssysteme“ und der Mitbestimmungsrechte. Mit dem Aufruf, am 7. und 8. Mai „gegen Nazis“ auf die Straße zu gehen, endet die 1.-Mai-Kundgebung – vor deutlich gelichteten Gewerkschaftsreihen.

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