Berlin : Ein bisschen Toskana

CDU-Kandidatin Monika Grütters hat ihre Liebe zu Marzahn-Hellersdorf entdeckt

Werner van Bebber

Der Gedanke ist ein bisschen gemein. Aber an diesem Abend und an diesem Ort kann man verstehen, dass die West-Berliner Parteifreunde von Monika Grütters ihr den Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf an der nordöstlichen Stadtgrenze leichten Herzens überlassen haben. Keinerlei Westberliner Vertrautheit ist hier zu finden. Plattenbauten, wohin man sieht in Marzahn-Nord. Immerhin sind sie nicht mehr grauweiß wie früher. Das Stadtteilzentrum „Kiek in“, in dem sich die Kandidatin an diesem Abend mit Deutschrussen zum Problemgespräch verabredet hat, leuchtet sogar tiefrot.

Keine Frage, es hat die Kultur- und Wissenschaftsfachfrau der Berliner CDU weit in den fernen Osten verschlagen. Aber Monika Grütters wirkt, als habe sie Freude an diesem sozialen Experiment: die westlich geprägte und sozialisierte Frau von 43 Jahren, die den Osten kennenlernen und erobern will. Grütters kann sich ausrechnen, dass sie gegen die Linkspartei-Favoritin Petra Pau keine besonders guten Aussichten hat. Aber sie verbringt jeden Tag mindestens drei Stunden in ihrem Wahlkreis 86, neben ihrem Job bei der Stiftung Brandenburger Tor, ihrer Honorarprofessur und ihrem Mandat im Abgeordnetenhaus. Wenn alles so läuft, wie es die Trends versprechen – wenn es also einen Machtwechsel gibt –, dann wird sie nicht als Direktkandidatin, doch über die Landesliste in den Bundestag kommen. Marzahn-Hellersdorf soll dann ihre „politische Heimat“ werden.

Stahlblau strahlt der Abendhimmel über dem „Kiek in“. 20 bis 30 Leute sind gekommen, um Grütters von den Schwierigkeiten der Deutschrussen zu berichten. Frauen mit perfekten Frisuren haben einige Zeit mit ihrem Make up verbracht. Die Männer unauffällig, meist korrekt gekleidet – das hier ist eine politische Versammlung, eine ernste Angelegenheit.

28 000 Spätaussiedler leben im Bezirk. Ihre Sorgen sind die Sorgen aller Zuwanderer. Sie haben Sprachprobleme, brauchen Hilfe bei der Arbeitssuche, fühlen sich diskriminiert. Wann immer der Bezirk ein Projekt für Zuwanderer biete, richte sich das an andere Ethnien, denen sich SPD und PDS näher fühlten, sagt ein junger Mann. „Massive Vorurteile“ herrschten gegenüber den Deutschrussen. Sie seien laut, unerzogen, machten aus Marzahn „Little Moskau“. Eine junge Frau mit sorgfältigst getöntem mahagoniefarbenem Haar sagt, das Arbeitsamt weigere sich, sie als jobsuchende Alleinerziehende mit zwei kleinen Kindern zu vermitteln – sie sei angeblich chancenlos.Wie gut, dass neben Monika Grütters die Parteifreunde Uwe Lehmann-Brauns und Peter Luther auf dem Podium sitzen. Lehmann-Brauns, der Anwalt, rät, gegenüber Behörden stets den Rechtsweg zu gehen und den Rechtsstreit zu riskieren.

Man ahnt die Unterschiede zwischen Marzahner und beispielsweise Neuköllner Migrantenproblemen. Hier, im fernen Osten Berlins gewinnt Monika Grütters den Eindruck, das die Leute froh über jedes Hilfsangebot sind. Spannend findet sie Marzahn, viel spannender als das zufriedene Wilmersdorf, ihre alte Parteiheimat. Sie kann sich schon als Wahl-Marzahnerin in Wallung reden: Der Bezirk sei „besser als sein Ruf“. Es gebe gut laufende Industrieunternehmen, das Unfallkrankenhaus als eine eigene Welt und wichtigen Arbeitgeber. Es gebe interessierte Leute sogar dort, wo Petra Pau scheinbar unangefochten an der Spitze der Beliebtheit stehe. Im Einkaufszentrum „Helle Mitte“ habe sie vor kurzem vom CDU-Stand aus zusammen mit ihrem Wilmersdorfer Parteifreund eine Charme-Offensive begonnen und Rosen verteilt. Gleich am Stand habe sie zwei neue Mitglieder werben können. Und die zurückgebauten Platten hier im Marzahner Norden seien doch gar nicht schlecht. In der Abendsonne, sagt Monika Grütters, hätten sie fast ein bisschen „toskanisches Flair“. So kann man das sehen. Kein Zweifel, Monika Grütters mag ihren neuen Wahlkreis richtig gern.

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