Berlin : Ein Brandbrief und die Folgen

Wie die Rütli-Schule zur nationalen Aufgabe wurde

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Donnerstag, 30. März . Unter der Überschrift „Notruf aus Neukölln“ berichtet der Tagesspiegel über den Brief des Rütli-Kollegiums. Schulsenator Klaus Böger kündigt an, die seit Monaten freie Rektorenstelle am Montag zu besetzen. Der Bezirksbürgermeister, sein Volksbildungsstadtrat und die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung kommen zu der Schule und Medienvertreter.

Freitag, 31. März. Weitere Hauptschulleiter melden sich zu Wort, klagen über Disziplinlosigkeit von Schülern, Gewalt und die Unmöglichkeit, ordentlichen Unterricht zu machen. Vor der Rütli-Schule steht Polizei. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit sagt: Polizei sei keine Lösung. Der Bundeselternrat fordert die Fusion von Haupt- und Realschulen. Auf dem Landesparteitag der Berliner CDU wird Friedbert Pflüger zum Spitzenkandidaten gewählt. Er kündigt mehr Härte gegen Migranten an. Bundeskanzlerin Angela Merkel wirft dem Senat Versäumnisse vor. Sie fordert mehr Integrations- und Sprachkurse. TV-Teams vor der Schule geben Schülern angeblich Geld , damit die mit Steinen werfen.

Sonnabend, 1. April. Die Charlottenburger Pommern-Schule meldet Überfälle von Jugendlichen. Die Lehrer der Plievier-Schule aus Wedding veröffentlichen ebenfalls einen Brandbrief. Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) fordert einen Neubeginn bei der Integration. Die Eingliederung von Ausländern müsse durchgesetzt werden, sagt er. Wer sich verweigere, solle mit Sanktionen rechnen müssen: von der Kürzung sozialer Leistungen bis zur Ausweisung.

Sonntag, 2. April. Klausur des Unionsfraktionsvorstands. Fraktionschef Volker Kauder sagt, das Thema Integration müsse „endlich zu einer nationalen Angelegenheit” werden.

Montag, 3. April. Keine Polizei mehr vor der Rütli-Schule. Der erste Tag des neuen Übergangs-Rektors Helmut Hochschild. Er ist seit 13 Jahren Leiter der Paul-Löbe-Hauptschule, die er erfolgreich reformiert hat.

Dienstag, 4. April. Rapper Bushido tritt an der Plievier-Schule auf. Rütli-Rektor Hochschild gibt eine Pressekonferenz und sagt, die Lage sei nicht ausweglos. CDU-Spitzenkandidat Pflüger fordert Sprachtests vor der Einschulung, Kürzung beim Kindergeld bei Erziehensversagen, Präventivhaft für kriminelle Jugendliche und als letztes Mittel Ausweisung von integrationsunwilligen Migranten. Der Jugendausschuss der BVV Neukölln tagt in der Rütli-Schule. Der Integrationsbeauftragte des Senats sagt, die Hauptschule entlasse den Großteil der Abgänger ins Nichts.

Mittwoch, 5. April. Schulsenator Böger trifft die Hauptschullehrer, die für eine Auflösung ihrer Schulform sind. Böger sieht darin keine Lösung. Im Bundestag ist am selben Tag eine Aktuelle Stunde zu „Gewalt an Schulen“. Dort verteidigt Böger Berlin und seine Politik. Er sagt, dass „wir“ die Problemkinder „als unsere annehmen“ müssen. In einer Neuköllner Grundschule findet ein Solidaritätstreffen für die Rütli-Kollegen statt.

Donnerstag, 6. April. Das Abgeordnetenhaus beschließt, dass das letzte Kita-Jahr vor der Schule kostenlos ist. Die Neuköllner CDU-Fraktion hat eine Sondersitzung der BVV beantragt. Sie will dem Volksbildungsstadtrat eine Missbilligung aussprechen, weil er ihrer Meinung nach den Brandbrief der Lehrer verheimlicht hat. Der Antrag scheitert.

Freitag, 7. April. In der BZ fordert die FDP, die Rütli-Schule umzubenennen. Letzter Schultag vor den Osterferien.

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