Berlin : Ein Buch voller Leben

50Nachrufe aus dem Tagesspiegel sind als Sammelband erschienen. Eine Lesung

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Im Garten der „Villa Starke“ in Grunewald brennen Fackeln. Drinnen wartet ein gespanntes Publikum auf Kerstin Decker, David Ensikat und Gregor Eisenhauer, die aus dem soeben im Berliner Taschenbuchverlag erschienenen Buch „Was bleibt. Nachrufe“ lesen werden. Funktioniert das Mikrofon? Etwa nicht? Auch egal. Alles lauscht.

Die 50 Lebensgeschichten in diesem Buch sind eine Auswahl aus den mehr als 750 Texten, die bislang auf der NachrufSeite des Tagesspiegels veröffentlicht wurden. Bei „Nachrufen“, so meint man, müsse es getragen zugehen, traurig oder wenigstens förmlich. Zwar werden auch traurige Texte gelesen, nach denen niemand Beifall klatscht. Doch anfangs zögerlich, dann immer gelöster wird im Saal auch gelacht und geklatscht. Der Applaus gilt Hunni Hundertmark, dem schauspielernden Obdachlosen. Er gilt Frankie Quades Jagd nach hübschen Beinen. Man beklatscht Professor Voss, der Heuschrecken-Fangsysteme entwickelte. Das ist das Schöne an diesem Buch: Hier stehen sie alle nebeneinander, die Obdachlosen und die Professoren, die Traurigen und die Zufriedenen. Und vor allem: Sie alle hat es wirklich gegeben.

„Wie wählen die Autoren wohl aus, über welche Schicksale sie schreiben wollen?“, überlegt ein älterer Gast während des Essens, das nach der Lesung serviert wird. Im anschließenden Publikumsgespräch bekommt er die Antwort, und die ist so überraschend wie einleuchtend: Es gibt kein Leben, das nicht erzählenswert ist. Jeder kann bei dem Redakteur David Ensikat anrufen und sich einen Nachruf auf den verstorbenen Freund, Vater oder die Oma wünschen. Jeder Mensch ist anders, und in diesem Anderssein liegt seine Geschichte. Damit diese Geschichte gefunden werden kann, braucht sie zweierlei: Einen ebenso einfühlsamen wie entschlossenen Verfasser und offen erzählende Angehörige.

„Im Laufe meiner Arbeit als Nachrufschreiber habe ich meinen Zynismus verloren“, konstatiert mit leichter Wehmut Gregor Eisenhauer. „Nach drei Stunden Nachrufgespräch ist man Teil der Familie“, sagt Kerstin Decker. Wenn man so lange über einen Menschen spricht, muss man ihn nicht immer mögen, aber man nimmt ihn ernst. In der Ernsthaftigkeit der Texte, was nicht mit Humorlosigkeit zu verwechseln ist, liegt vielleicht etwas Unzeitgemäßes. Etwas, das umso mehr interessiert. So vergisst man das gediegene Grunewald-Ambiente um sich herum und besucht den verkannten Zeichner Egmont Schaefer in seiner 20-Quadratmeter-Wohnung an der Landsberger Allee. ajs

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