Berlin : Ein Bunker mitTretrad für Ulbricht

Für alle Fälle: ein Versteck im Staatsratsgebäude

Lothar Heinke

Eine Treppe, die zu einer Eisentür sechs Meter tief in den Keller führt. Ein Gang, von dem man in acht Räume gelangt. Eins der engen Zimmer ist mit genopptem roten Teppichboden tapeziert und mit fünf Telefonsteckdosen bestückt. Das Chef-Appartement! In der linken Ecke versteckt sich hinter einer Schleusentür ein langer Gang. Wer den auf allen Vieren durchkriecht, gelangt nach 30 Metern zum Ausstieg aus einem gullyähnlichen Betonring, direkt neben einer Rosenhecke im Garten des Staatsratsgebäudes. Walter Ulbricht oder Erich Honecker auf der Flucht – dieses Szenario hat nie stattgefunden.

Genau 40 Jahre nach der Einweihung des Amtssitzes des Staatsrates der DDR präsentierten gestern die neuen Hausherren von der European School of Management and Technology (esmt) ein Sensatiönchen: Beim Umbau des Hauses zur Eliteschule entdeckte man im Keller diesen spartanischen DDR-Führerbunker für alle Eventualitäten. „Es ist ein Schutzraum, mit dem mitten im Kalten Krieg viele öffentliche Neubauten in Ost und West ausgestattet wurden“, sagt Geschäftsführer Wolfgang Fischer und erläutert eine sehr merkwürdige Belüftungsanlage: Durch eifriges Strampeln auf zwei Fahrrädern wurden Frischluft-Ventilatoren angetrieben. Roland Korn, zusammen mit Hans Bogatzky Architekt des Staatsratsgebäudes, sieht in dem „Fluchttunnel“ mehr einen Lüftungsschacht: „Wir haben diesen Schutzraum auf Wunsch Walter Ulbrichts für den so genannten E-Fall projektiert, wahrscheinlich wollten die da drin ausharren, bis die russischen Panzer kamen“. Roland Korn kennt die Ausstattung nicht, „ich war nie da unten drin“. Er vermutet, dass in den Räumen geheime Unterlagen gespeichert waren – auf jeden Fall waren hier sämtliche Bauzeichnungen des Gebäudes archiviert. Manfred Gerlach als letzter DDR-Staatsratsvorsitzender wurde bei seiner Amtsübernahme im Herbst 89 über alles Mögliche, „aber mit keinem Wort über einen Bunker“ informiert. „Vielleicht war das Ganze auch nur ein Hobbykeller“, sagt Ulli Neumann, Architekt des Umbaues des Hauses für 35 Millionen Euro. Das Studium beginnt im nächsten Herbst. Dann wird der Keller versiegelt: kein Bedarf.

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