• Ein Chronist mit Fahrrad und Fotoapparat: Zehn Jahre lang dokumentierte Wolfgang Kluge von Kreuzberg aus den Mauerstreifen

Berlin : Ein Chronist mit Fahrrad und Fotoapparat: Zehn Jahre lang dokumentierte Wolfgang Kluge von Kreuzberg aus den Mauerstreifen

Johannes Metzler

Nicht Sportlehrer wollte Wolfgang Kluge werden, sondern Spurensucher. Doch es kam anders: Nach sieben Jahren Dienst bei der Polizei lehnte er das Angebot zu einer Karriere als Kriminalbeamter ab und wurde auf dem zweiten Bildungsweg Lehrer. 25 Jahre ist das jetzt her, bereut hat er diese Entscheidung nicht. Das wache Auge allerdings ist dem heute 55-Jährigen nicht abhanden gekommen: Regelmäßig ist er als Chronist mit Fahrrad und Fotokamera in der Stadt unterwegs. Das Ergebnis dieser dokumentarischen Arbeit ist ein Dutzend Kartons, in denen sich sorgfältig nummerierte und archivierte Fototaschen befinden.

Für die Ausstellung "Zwischen Potsdamer Platz und Engelbecken - Orte der Mauer 1989 bis 1998 im Vergleich" hat Kluge dieses private Fotoarchiv geöffnet und eine Auswahl seiner Bilder zu einem "Rundgang" durch Kreuzberg zusammengestellt. Über zehn Jahre hinweg hat er den rasanten Wandel am Mauerstreifen im Bezirk festgehalten. Es ist die dokumentarische Sorgfalt, die die Bilderpaare - jeweils ein Foto aus der Zeit vor oder kurz nach dem Mauerfall und eines aus den letzten Jahren, aufgenommen von derselben Stelle - zu beeindruckenden Zeugnissen des Berliner Alltags in den 90er Jahren machen.

Auf die Idee, die Veränderungen an der Mauer zu dokumentieren, brachte den Hobbyfotografen der Schweizer Markus Tremp. Ihn lernte er 1986 im Küchenwagen der Transsibirischen Eisenbahn kennen: "Die Scheiben im Zug waren überall so verschmiert, dass man durch sie nicht fotografieren konnte", erinnert sich Kluge - darum begegneten sich die beiden mit ihren Kameras im einzigen Wagen, der über einen offenen Blick ins Freie verfügte. Sehr zum Unmut des Kochs übrigens, dem der regelmäßige ungebetene Besuch in seinem beengten Abteil auf die Nerven fiel.

Bei einem Besuch in der geteilten Stadt machte der neu gewonnene Schweizer Freund dann im Frühjahr 1989 eine Serie von Mauerfotos - ein Teil davon ist auch in der Ausstellung zu sehen. Kluge war begeistert: "Ich wäre vorher nie auf die Idee gekommen, die Mauer zu fotografieren" - so alltäglich und banal erschien sie ihm. Bei seinen Touren verschlug es ihn fortan immer wieder nach Kreuzberg: "Hier war die Mauer durch ihre Lage in Wohngebieten am unmittelbarsten", sagt er.

Dabei war das Problem der beiden deutschen Staaten ihm schon lange eine "Herzensangelegenheit". "Die Wiedervereinigung war für mich lange vor 1990 beschlossene Sache", erinnert sich Kluge heute, "die Frage war nur, wann es soweit sein würde." Regelmäßig fuhr er in den 80er Jahren nach Ost-Berlin, setzte sich in Cafés und suchte das Gespräch mit den Leuten - das sei vor allem eine politische Geste gewesen. Rund ein Jahr vor dem Fall der Mauer stand er dann anlässlich der 750-Jahr-Feier der Stadt mit selbst produzierten Anstecknadeln und einem Hand gemalten Schild auf dem Potsdamer Platz. Doch die "private Demonstration" für die deutsche Wiedervereinigung stieß bei den West-Berliner Passanten zu diesem Zeitpunkt auf wenig Gegenliebe - der Fall der Mauer schien den meisten noch unvorstellbar. Und er bekam Ärger mit Autonomen: "Die hielten mich für einen Nationalisten." Damals ahnte Kluge selbst noch nicht, wie nah der lang ersehnte Tag bereits herangekommen war.

Die meisten der ausgestellten Fotos hat Kluge mit einer Praktika-Kamera gemacht. Einen Autofokus-Apparat, der sich automatisch scharf stellt, schaffte er sich erst an, als er vor viereinhalb Jahren Vater wurde: "Für Schnappschüsse ist diese Technik einfach optimal." Den scharfen Blick des verhinderten Kriminalisten hat die neue Kamera jedoch nicht getrübt. In den letzten Monaten war er vor allem am neuen debis-Gebäude unterwegs - wie immer in eigener Mission.Die Ausstellung "Zwischen Potsdamer Platz und Engelbecken - Orte der Mauer 1989 bis 1998 im Vergleich ist noch bis zum 26. März im ersten Stock des Rathauses Kreuzberg, Yorckstraße 4-11, zu sehen.

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