Berlin : Ein Erfolg, der schmerzt

Schlossfreunde beäugen den Andrang am Palast mit Argwohn. Förderverein aber ist optimistisch

Christian van Lessen

„Das tut weh“, sagt Hella Wanckel, hört sie vom Ansturm auf die Führungen durch den Palast der Republik. „Diese Schrotthütte! Haben die Leute nur Beton im Kopf?“ Sie ist glühende Schloss-Freundin, kämpft im Hintergrund für den Neubau. Sie hat das Gefühl, auf verlorenem Posten zu stehen.

Den Optimismus von Wilhelm von Boddien vom Förderverein Berliner Stadtschloss kann sie nicht teilen. Boddien, seit Jahren in vorderster Reihe für den Wiederaufbau an alter Stelle aktiv, freut sich, dass der Bundestag noch kurz vor der Sommerpause „ein klares Bekenntnis zum Schloss“ abgegeben hat. Boddien spricht von wichtigen Gesprächen hinter den Kulissen, glaubt an eine Grundsteinlegung in zwei, drei Jahren, an eine Fertigstellung spätestens 2015. „Ist alles im Lot“, versichert er. Am 30. Juli will er ein erstes handgefertigtes Schloss-Fenster zeigen.

„Wo soll denn das Fenster hin, in ein Luftschloss?“ spötteln Hella Wanckel, Heiderose Leopold, Alexander Langenheld und Doris Tüsselmann. Sie arbeiten in der Gesellschaft Historisches Berlin (GHB), auch im Verein für die Geschichte Berlins. Sie müssten Optimismus verbreiten, wie Boddien, aber nur Heiderose Leopold, die stellvertretende GHB-Vorsitzende, hält tapfer durch. „Ich glaube, das Schloss kommt“. Hella Wanckel, die in Ost-Berlin aufgewachsen ist und als Kind noch die Schlossruine gesehen hat, fragt: „Aber wann? Wir sterben darüber hinweg.“

Sie wird ungeduldig, will ein Zeichen des Aufbruchs sehen, wie es das Fortuna-Portal für das Potsdamer Schloss darstellt. Mit privaten Mitteln könnte man doch wenigstens das Eosander-Portal auf den Schlossplatz stellen, schlägt sie vor. Sie bat um ideelle Unterstützung für das Schloss. Günter Jauch schrieb ihr, sein Ratschlag zu allen möglichen Themen werde weithin überschätzt. Antje Vollmer, die Vizepräsidentin des Bundestags, ließ mitteilen: „Wir freuen uns über Ihr Engagement für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses und wünschen Ihnen bei Ihren Bemühungen viel Glück und Erfolg.“

Dass Günter Nooke, der kulturpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, gerade „ein lebendiges Schloss statt einer künstlich beatmeten Ruine“ forderte, wirkte wie Balsam. Die Auskunft der Kulturstaatsministerin Christina Weiss, dass nach der Sommerpause ein Nutzungs- und Finanzierungskonzept für den Schlossneubau vorgelegt werde, löste bei Hella Wanckel und ihren Mitstreitern kaum Begeisterung aus. „Der Bericht ist doch seit Monaten überfällig.“

Wilhelm von Boddien hofft aber, „dass keine Zeit mehr verloren geht.“ Eine Projektgesellschaft werde die Planung vorbereiten. Der Bau, in dem Bibliotheken, Museen und Sammlungen der Humboldt-Uni unterkommen sollten, könne dann vom Bund als Bauherrn in öffentlich-privater Partnerschaft errichtet werden, mit möglichen Investoren fänden schon Gespräche statt. 80 Millionen Euro will Boddien aus Spenden für die Schlossfassade aufbringen. Der Bau dahinter wird auf 590 Millionen Euro geschätzt. Ein erstes Schloss soll im Internet entstehen, Spender können Bausteine mit ihren Namen kaufen. Für Pessimisten wie Hella Wanckel hat Boddien jedenfalls kein Verständnis.

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