Berlin : Ein-Euro-Job statt Computerkurs

Die Arbeitsagentur schickt kaum noch Arbeitslose zur Weiterbildung. Viele Anbieter stehen vor dem Aus

Alexander Visser

Michael Galwelat will nicht kampflos aufgeben. Er kann einfach nicht glauben, dass der drohende Untergang seiner Branche, den er noch für dieses Jahr befürchtet, unabwendbar ist. Die Weiterbildung, so sein Appell an Politik und Behörden, darf nicht sterben. Galwelat leitet die Berliner Akademie Cimdata, die wie viele Anbieter unter Druck geraten ist, seit die Arbeitsmarktpolitik auf Ich-AGs und Ein-Euro-Jobs setzt, statt Arbeitslose in Bildungskurse zu schicken. „Wenn es so weitergeht wie bisher, müssen in wenigen Monaten bis zu 90 Prozent aller Weiterbildungsträger dicht machen“, warnt Galwelat.

Die Arbeitsvermittlung schickt immer weniger Menschen in Weiterbildungskurse. Zwischen Januar und März 2005 haben in der Millionenstadt Berlin 937 Menschen einen Kurs begonnen. Das sind 80 Prozent weniger als im ersten Quartal 2004, als es noch 4475 Einsteiger gab. Schon im Jahr 2004 war die Teilnehmerzahl der Weiterbildungsmaßnahmen um ein Drittel zurückgegangen. Mehrere Berliner Träger mussten bereits schließen oder Mitarbeiter entlassen.

„Jeder kämpft ums Überleben“, sagt Florian Bommas vom Internationalen Bund. Der deutschlandweit tätige Träger bietet auch Jugendsozialarbeit und andere Leistungen an. Der Bereich Weiterbildung am Standort Berlin schrumpft seit Jahren: „Wir hatten dafür früher mehr als 20 fest angestellte Mitarbeiter, jetzt haben wir keinen einzigen mehr“, sagt Bommas.

Mit den Weiterbildungsträgern geraten Unternehmen unter Druck, die mit der Massenarbeitslosigkeit bis vor einigen Jahren gut leben konnten. Das Amt schickte Arbeitssuchende gerne in die Weiterbildung, denn dadurch fielen sie aus der Statistik. Die Träger nahmen die Arbeitslosen gerne auf, denn der Steuerzahler zahlte die Kurse. Und auch die Arbeitslosen standen in der Weiterbildung finanziell besser da als ganz ohne Tätigkeit. Alle hatten Vorteile – unabhängig davon, ob der Kurs dem Betroffenen tatsächlich zu einem Job verhalf. Stiftung Warentest hatte mehrfach Mängel in Weiterbildungskursen kritisiert, die zum Teil mit veralteten Methoden arbeiteten.

Die Hartz-Reformen haben das alte System abgeschafft. Statt auf teure Weiterbildungskurse wird jetzt auf Ein-Euro- Jobs, Ich-AGs, Lohnzuschüsse oder kurzfristige Trainingsmaßnahmen gesetzt. Kurse gibt es seit 2003 nur noch gegen Bildungsgutschein, den Arbeitslose von der Arbeitsagentur und Langzeitarbeitslose von ihrem Jobcenter erhalten sollen. Doch es wird immer schwieriger, an so einen Gutschein heranzukommen – selbst für motivierte Arbeitssuchende, die eine genaue Vorstellung davon haben, welcher Kurs ihre Chancen auf Einstellung verbessern würde.

„Ich hatte mir einen Kurs im Bereich E-Business-Techniker ausgesucht“, sagt Torsten Melchert. „In meiner Branche habe ich ohne Auffrischung kaum noch eine Chance.“ Der Datenbearbeitungskaufmann ist seit drei Jahren arbeitslos und strebte eine Zusatzqualifikation bei der Berliner Fernschule Teia AG an. Zuerst habe man ihm gesagt, er brauche die Zusage einer Firma, ihn einzustellen, sobald er den Kurs absolviert habe. „Als ich die Zusage vorgelegt habe, hieß es, das reicht nicht mehr“, sagt Melchert. „Ich sollte einen Arbeitsvertrag vorlegen. Aber welcher Arbeitgeber unterschreibt den schon Monate im Voraus?“

Monika Mareyen, Projektleiterin der Berliner Weiterbildungsdatenbank, schätzt die Zahl der Träger in Berlin auf bis zu 500. So unterschiedliche Veranstalter wie der Tüv, die Volkshochschulen oder Softwarefirmen bieten Kurse an. Nur wer sich ein zweites Standbein in der privaten Wirtschaft aufgebaut habe, habe eine Überlebenschance, glaubt sie.

Für Olaf Möller, Sprecher der Regionaldirektion für Arbeit in Berlin-Brandenburg, ist der Schrumpfungsprozess der Weiterbildungsträger kaum aufzuhalten. „Durch die hohe Arbeitslosigkeit nach der Wiedervereinigung ist die Zahl der Anbieter in Ostdeutschland und Berlin enorm gewachsen, jetzt pendelt sie sich auf ein Normalmaß ein“, sagt Möller.

Cimdata-Chef Michael Galwelat, zugleich Weiterbildungsbeauftragter des Bundesverbandes digitale Wirtschaft, hofft, ein Massensterben der Anbieter noch verhindern zu können und setzt auf die Politik. „Alle Parteien im Berliner Abgeordnetenhaus haben den Rückgang der bewilligten Weiterbildungskurse um 80 Prozent kritisiert“, sagt Galwelat. „Die Politik muss jetzt etwas unternehmen, denn sonst gibt es in wenigen Monaten keine seriösen Weiterbildungsträger mehr.“

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