Berlin : Ein Fall für Lassi

Amit Ranka war ein armes Kind in Rajasthan, Telefonist in Kathmandu und saß am 9. September 1987 auf dem Flughafen fest, wo ihn die „Vogue“ als Model entdeckte. Er kam nach Mailand und nach Berlin, wo er würzigen Frischkäse erfand und nun indische Joghurt-Drinks in die Ladenregale bringt

Constance Frey

Eigentlich wollte Amit Ranka am 9. September 1987 nur von Kathmandu nach Neu Delhi fliegen, um seine Familie zu besuchen. Aber es kam anders. Der damals 19-Jährige machte eine Bekanntschaft, die dazu führte, dass er heute in einem eigenen Berliner Büro sitzt und „Lassi“ anpreist, ein indisches Erfrischungsgetränk. Bisher gab es das nur in indischen Restaurants, nun auch in Supermärkten oder bei Karstadt, in den Geschmacksrichtungen Mango, Lychee und Piña Colada. Und was hat das alles mit dem Flug nach Neu Delhi zu tun?

Als ältester Sohn von vier Kindern kommt Amit Ranka in Rajasthan auf die Welt. Als er neun Jahre alt ist, verspekuliert sich der Vater und verliert sein ganzes Vermögen. „Wir sind fast von einem Tag auf den anderen auf der Straße gelandet.“ Die Kinder gehen vor und nach der Schule zum Geld verdienen in eine Brotfabrik. Mit 14 Jahren fährt Amit zu einem Onkel nach Kathmandu in Nepal, um dort in der Import-Export-Firma auszuhelfen. Dort muss er auf Schule verzichten.

Nach drei Monaten gibt er die Stelle auf und schlägt sich als Telefonist in einem Hotel durch. Irgendwann verdient er genug Geld, um wieder in die Schule gehen zu können, wo er sich mit dem Sohn eines Juweliers anfreundet. Als dessen Vater stirbt, hilft er im Juweliergeschäft aus. „Man hat mich wie einen Sohn aufgenommen“, sagt er. Die Mutter seines Freundes bietet ihm an, eine Juwelierausbildung zu machen. Sie schickt den Jungen auf eigene Kosten nach Bangkok.

Dann kommt der Flug nach Indien am 9.September 1987. „Im Flugzeug lernte ich einen jungen Inder kennen, mit dem ich mich unterhalten habe.“ Aber die Maschine startet wegen eines technischen Problems nicht. Die beiden jungen Männer werden in einem Hotel untergebracht. Als sie abends in der Lobby etwas trinken, wird eine Gruppe Ausländer auf sie aufmerksam. Ständig gucken sie zu Amit Ranka herüber. Ein Mann spricht ihn schließlich an. „Ich konnte damals kein Wort Englisch und habe überhaupt nicht verstanden, was er von mir wollte.“ Die Gruppe kommt von dem italienischen Modemagazin „Vogue“. „Sie wollten mich für drei Wochen als Model engagieren.“ Amit Ranka sagt Ja und verdient so auf einen Schlag 5000 Dollar. „Das war mehr als ein Jahresgehalt für mich.“

Nach den Fotoaufnahmen bekommt er das Angebot, für zwei Jahre in Mailand als Model zu arbeiten. Von dort kommt er 1989 zu einem Besuch nach Berlin – und bleibt. „Da war ich 21 Jahre alt.“ Neben dem BWL-Studium jobbt er in einem Modegeschäft, steigt zum Filialleiter auf und wird Geschäftsführer eines Ladens für Motorradzubehör.

Alles ganz gut, aber noch nicht perfekt. Amit Ranka will selbstständig werden. Und zwar mit vegetarischem Essen. Denn da gibt es in Deutschland eine Angebotslücke. Das weiß er, weil er Vegetarier ist. Er will mit dem köstlichen Frischkäse, den damals die Großmutter gemacht, Berlins Fleischverächter erobern. Monate lang rührt und mixt er Frischkäse und Gewürze, und irgendwann findet er das Ergebnis so gut, dass er sich traut, bei First-Class-Hotels anzurufen. Aber die haben auf ihn gerade gewartet! Er wählt sich die Finger wund und barmt um einen Termin, der ihm am Ende im Interconti gegeben wird. Und es schmeckt. Mit dieser Referenz baut Amit Ranka ein Frischkäse-Unternehmen auf. „Giacomo“ heißt es. Und da gibt es jetzt auch die neuen Lassi-Drinks.

Passend zum Rezept der Oma ist auch das Werbeplakat Familiensache. Auf dem Foto ist sein Großvater abgelichtet. Daneben steht „Good for you. Believe me.“ Er wird es wissen. Er hatte ja lange genug Zeit, in Omas Töpfe zu gucken.

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