Berlin : „Ein Freund darf mal einen Fehler machen“

Nach den Anschlägen vom 11. September bekundeten viele Berliner ihre Solidarität mit den USA – was denken sie heute?

Thomas Loy

Der Irak-Krieg ist aus Sicht vieler Beobachter letztlich eine Reaktion der Großmacht USA auf die Anschläge vom 11. September 2001. Kurz nach den apokalyptischen Bildern aus New York bekundeten Hunderttausende in Deutschland den Amerikanern ihre Solidarität und ihr Mitgefühl. Was denken diese Hunderttausenden heute? Hat ihre Solidarität mit den Amerikanern gelitten? Wir haben fünf von ihnen befragt.

Manuela Loos schrieb wenige Tage nach dem 11. September eine E-Mail an die US-Botschaft in Berlin: „America, we stand by you. I@m an American.“

Heute würde sie das auch noch sagen, trotz des Irak-Krieges, den sie nicht billigt, sagt die 38-jährige Buchhalterin. Das amerikanische Volk und die Bush-Regierung müsse man schon voneinander trennen. „Den Amerikanern haben wir viel zu verdanken – auch unsere Wirtschaft würde ohne die amerikanische gar nicht auskommen.“ Nach dem 11. September habe sie unter Schock gestanden, sagt Frau Loos – bei den Bildern aus Bagdad stelle sich dieses Gefühl manchmal wieder ein. Aber demonstrieren gegen den Krieg möchte sie nicht. „Zu viele Menschen, zu viele Chaoten.“ Außerdem: „Warum demonstriert keiner gegen Saddam Hussein?“

Thomas Spitze hängte nach dem 11. September ein weißes Laken aus seinem Fenster. „Wir brauchen jetzt alle Zusammenhalt, und ganz Amerika muss spüren, wie sehr wir mitfühlen und an die Menschen dort denken“, schrieb er an den Tagesspiegel.

Sein Amerika-Bild habe sich schon „ein bisschen verändert“, sagt Thomas Spitze, Leiter eines Reisebüros. Er findet das Verhalten der Amerikaner „erschreckend, nicht nur im Irak, sondern auch zu Hause“. In den USA könne man seine Meinung nicht mehr frei äußern. „Da werden öffentlich CDs in den Papierkorb geworfen, nur weil sie von einer Band sind, die gegen den Krieg ist.“ Mit seinen Freunden in New York kann er noch diskutieren – „die sind eher liberal“. Bei einem Bekannten in Washington, der nahe dem Pentagon wohnt, würde er das Thema Krieg aber nicht mehr ansprechen.

„Wir sind mit unserer Trauer bei euch“, schrieben Günter Mahlberg und seine Frau nach dem 11. September an die US-Botschaft. Das galt damals vor allem den unschuldigen Opfern und ihren Angehörigen, sagt der 55-jährige ehemalige Schlosser bei der BVG. Seitdem habe sich sein Bild von den USA verschlechtert, vor allem wegen des „Kriegstreibers“ Bush: „Der fühlt sich wie früher unsere Kaiser und Könige.“

Norbert Siedler war bei der Trauerkundgebung am 14. September 2001 vor dem Brandenburger Tor dabei – Motto: „Keine Macht dem Terror – Solidarität mit den USA.“ Nein, sein Verhältnis zu den USA habe sich nicht nicht eingetrübt, sagt Siedler, 39 Jahre und Bundesbeamter. Die Sympathien für die Schutzmacht der Berliner seien noch da. Aber der Irak-Krieg macht ihm Angst: „Die Terror-Aktivitäten werden zunehmen.“

Eva Schwirkus schrieb nach dem 11. September: „In der Hoffnung, dass es nie wieder ein Auschwitz, Dresden, Vietnam geben wird, haben wir alle nun neues, unvorstellbares Grauen erlebt. “Eva Schwirkus hat als ältere Dame eine genaue Vorstellung, was Krieg bedeutet. Einem Krieg könne sie niemals zustimmen, aber: „Wenn es das kleinere Übel sein sollte, dann kann ich die Amerikaner im Irakkonflikt verstehen“. Sie wägt ihre Worte genau. Die leise Kritik an den USA rüttelt nicht am festen Bild, das sie sich von den Amerikanern gemacht hat. „Auch ein Freund darf mal einen Fehler machen.“

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