Berlin : Ein freundlicher Akt

Wowereit freut sich über neuen Kultur-Coup: Fotograf Helmut Newton will seiner Geburtsstadt Berlin nun doch seine Sammlung überlassen

Lars von Törne,Ulrich Clewing

Von Lars von Törne

und Ulrich Clewing

Das Hin und Her um den künftigen Standort für das umfangreiche Archiv von Helmut Newton hat offenbar bald ein Ende. Der weltberühmte Fotograf will seine einmalige Sammlung von Abzügen und Negativen jetzt doch seiner alten Heimatstadt Berlin überlassen. Ein entsprechender Vertrag steht nach Angaben aus Senatskreisen kurz vor der Unterzeichnung. Newtons Galerist Rudolf Kicken bestätigte am Sonntag, dass der Künstler sich schon vor einiger Zeit entschieden habe, sein Archiv Berlin zu überlassen. Im Moment werden noch letzte Details verhandelt. Eingefädelt hat den Coup offenbar der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit. Er hatte erst kürzlich den Kunstsammler Friedrich Christian Flick überzeugt, seine Sammlung nach Berlin zu bringen. „Klaus Wowereit freut sich, wenn die Werke des Berliners Helmut Newton nach Berlin kommen“, sagte Senatssprecher Michael Donnermeyer am Sonntag. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz betonte allerdings, dass die Schenkung noch nicht offiziell vereinbart wurde. „Der Wunsch als Vater des Gedankens schafft noch keine Realitäten“, erklärte eine Sprecherin. Dahinter steht die Sorge, dass der Fotograf, der vor allem durch Aktbilder stark wirkender Frauen berühmt wurde, doch noch einen Rückzieher machen könnte. Bereits vor vier Jahren hatte Newton seine Zusage zurückgezogen, sein fotografisches Archiv dem geplanten Fotomuseum zur Verfügung zu stellen.

Als Standort für sein Archiv, das Hunderttausende Negative, rund tausend hochwertige Abzüge sowie eine einmalige Zeitschriftensammlung umfasst, favorisiert Newton jetzt die frühere Kunstbibliothek in der Charlottenburger Jebensstraße. Das liegt nicht zuletzt an dem Standort des Gebäudes direkt gegenüber dem Bahnhof Zoo. „Von hier aus verließ ich Berlin, hierher will ich zurückkehren“, habe der Fotograf bei seinem letzten Berlin-Besuch im Herbst gesagt, erinnert sich Galerist Kicken. Newton war 1938 vor den Nazis geflohen und via Singapur nach Australien ausgewandert. Im vergangenen Herbst, sagt Kicken, habe sich der Fotograf das Gebäude mit seinem Freund, dem Galeristen Heinz Berggruen, genauer angeschaut. Im Moment ist Newtons Archiv auf zwei Orte verteilt. Ein Teil liegt in Newtons Privathaus, in dem er in Monaco mit seiner Frau June lebt, der andere Teil beim Galeristen in Genf.

Mit der Ansiedlung des Archivs in Berlin würde sich für Newton ein Kreis schließen. Hier wurde der Fotograf 1920 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren. Als Jugendlicher ging er oft auf dem Kurfürstendamm spazieren und bewunderte dabei gerne „die unerreichbar eleganten Frauen“. Auch seine erste Ausbildung erhielt er in Berlin. 1936 arbeitete er für einige Monate im Fotostudio der seinerzeit sehr erfolgreichen Modefotografin Elsa Ernestine Neuländer, die sich kurz Yva nannte. Sie wurde 1942 von den Nationalsozialisten ermordet, Newton entging diesem Schicksal durch seine Flucht. In Australien heiratete er 1948 die Schauspielerin June Brunell, die unter dem Pseudonym Alice Springs selbst große Erfolge als Fotografin feierte. 1961 ließ sich Newton in Paris nieder, wo er Aufträge für internationale Modezeitschriften übernahm, allen voran für die französische „Vogue".

Auch nach seiner Emigration ist Helmut Newton immer wieder nach Berlin zurückgekehrt. Bei einem dieser Besuche entstanden Ende der siebziger Jahre am Wannsee jene Bilder, die Newtons Weltruhm begründen sollten. Sie zeigten junge Frauen am Wasser und im Wald, die – den Dobermann an der Leine – nicht viel mehr am Körper trugen als hochhackige Pumps und Pelzmäntel. Die kühle, bisweilen fast düstere Erotik, die diese Fotografien ausstrahlten, wurden fortan zu Newtons Markenzeichen.

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