Berlin : Ein froheres neues Jahr für Nawid aus Kabul

Der afghanische Junge kam mit schweren Verbrennungen aus seiner Heimat nach Berlin. Hier wurde ihm schnell geholfen

Ariane Bemmer

Wann genau das war, als der Petroleumofen in der Küche explodierte und Nawids Haut versengte, ist nicht genau bekannt. Vor drei Jahren, sagt Christian Heisig vom Friedensdorf International. Keinen Tag nennt er, nicht mal einen Monat. Dabei hat die Explosion so gewaltige Narbenberge auf dem Körper des Jungen aus der afghanischen Hauptstadt Kabul hinterlassen, dass er den Ärzten vom „Roten Halbmond“ auffiel, dem islamischen „Roten Kreuz“. Sie informierten die Helfer vom Friedensdorf, die brachten den Zehnjährigen am 8. Oktober nach Berlin, in die Kinderklinik Westend, Station 5b.

Nach der Explosion hat die Familie den Jungen ins Krankenhaus gebracht, wo kalte Tücher über den verbrannten Oberkörper gelegt wurden. Dann haben sie gewartet und tatsächlich: Es heilte. Aber in wulstigen Narben, die Haut zog sich zusammen, und Nawid konnte sich immer weniger bewegen. Den Kopf nicht heben, den linken Arm nicht drehen, die Augen nicht mehr schließen.

Ungefähr 300 Menschen aus aller Welt betreut das Friedensdorf derzeit in Deutschland, die Hälfte davon Kinder. Sie werden überall dort behandelt, wo Ärzte und Kliniken umsonst oder zu billigen Tarifen arbeiten. Die Kinderklinik Westend pflegt Nawid zum halben Satz, Professor Frank Peter, der sein Geld als Schönheitschirurg am Wittenbergplatz verdient, operiert umsonst. „Placet“ heißt sein gemeinnütziger Verein, vor zwei Jahren wurde er gegründet, seit einem Jahr ist er aktiv, Nawid ist der zweite Patient.

Der Junge liegt in seinem Bett und guckt auf den Fernseher über der Tür. Videoclips laufen. Der Ton ist aus. Gerade war Mittag, der Teller mit Nudeln steht noch da. Peter ist gekommen, um die Verbände zu wechseln. Hier brennt es etwas, sagt der Junge, und zupft an einem Pflasterzipfel, der unter seiner Turnhose rausguckt. Da hat Peter ihm Haut entfernt und an den Hals verpflanzt und an den Arm. Auch künstliche Haut hat er benutzt. Insgesamt sechs Operationen. Dazwischen hat der Junge deutsch gelernt. Er ist klug, sagen alle, die mit ihm zu tun haben. In Kabul hat er die Schule besucht – in dem kriegswunden Land keine Selbstverständlichkeit. „Nawid wollte am Anfang nur, dass er seinen Kopf und die Arme wieder heben kann“, sagt Frank Peter. „Damit er seine Familie zu Hause besser unterstützen kann.“ Aber Peter wollte dem Jungen ein Gesicht zurück geben, mit dem er gut durchs Leben kommt. Und Peter ist zufrieden. Nach den Operationen hat Nawid angefangen zu lächeln. Das hat er drei Jahre lang nicht gekonnt.

Am Wochenende fährt Nawid für vier Wochen nach Oberhausen ins Ruhrgebiet. Dort ist die Friedensdorf-Zentrale. Und dort trifft er auch andere afghanische Kinder. Im Januar dann noch mal Kontrolluntersuchungen in Berlin, danach geht es zurück nach Kabul. Nawid freut sich darauf.

Die Helfer ringen um eine Balance zwischen Fürsorge und Anteilnahme und dem Ziel, die Kranken nicht von ihrer Heimat zu entfremden. „Wir arbeiten nicht mit Pflegefamilien, weil da zu enge Bindungen entstehen könnten“, sagt Frank Peter. Es gibt auch keine Besuche im Freizeitpark oder im KaDeWe. Zuletzt war eine Afghanisch-Dolmetscherin mit Nawid im Zoo.

Zur Zurückhaltung gegenüber den Kindern rät auch Friedensdorf International. Die Organisation, die das Spendensiegel des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen trägt, ist für die Kinder fürsorgeberechtigt, solange sie in Deutschland sind. Mit den Eltern in Afghanistan habe man einen Vertrag geschlossen, sagt Heisig. Der besagt, dass der Junge nach der Behandlung auch wirklich zurückgebracht wird. Den Pass, der für die Reise angefertigt wurde, kann Nawid dann zerreißen. Es stimmt sowieso nur wenig von dem, was drin steht. Den exakten Geburtstag wussten die Eltern nicht – so wie viele Eltern in armen Ländern. Die Behörden tragen dann den 31.12. ein. Vielleicht für ein froheres neues Jahr.

Spendenkonto „Placet“: Berliner Bank, BLZ 10020000, Konto-Nr. 2741700000, Spendenkonto „Friedensdorf International“: Stadtsparkasse Oberhausen, BLZ 36550000, Konto-Nr. 102400

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