Berlin : Ein ganz besonderer Lotsendienst

Früher hat Pascal schnell zugeschlagen. Dann fing er an bei dem BVG-Projekt „Schülerbegleiter“. Seitdem hat der 16-Jährige sich im Griff – und hält jetzt im Bus andere Jugendliche von Gewalt und Vandalismus ab

Daniela Martens

Auch verschlafen wirkt Pascal noch Respekt einflößend: Breitschultrig, groß, fast massig steht der 16-Jährige im Mittelgang des Busses. Über der Winterjacke trägt er eine blaue Weste mit gelbem BVG-Logo. Das prangt auch auf seiner Baseballkappe. Pascal sieht sich die anderen Fahrgäste genau an, hauptsächlich sind es Schüler aus Tegel auf dem Weg zur ersten Stunde. Alles ist friedlich im Bus an diesem Morgen um halb acht – niemand zerkratzt die Scheiben, niemand belästigt seinen Nachbarn.

„Morgens ist es eigentlich immer ruhig“, sagt Pascal und klingt dabei sehr erfahren. Seit drei Jahren ist er Schülerbegleiter, eine Art Bus-Lotse der BVG. 120 von ihnen gibt es zurzeit in Berlin. Zwölf Schulen sind an dem Projekt der Verkehrsgesellschaft beteiligt. Auch in einigen anderen deutschen Städten gibt es derartige Projekte. „Aber unseres ist das einzige, bei dem die Jugendlichen eine Art Uniform tragen“ , sagt Projektleiter Hans Schimmelpfennig stolz. „So sind sie erkennbar und können sich nicht raushalten.“ Schließlich gehe es bei dem Projekt vor allem darum, Zivilcourage zu fördern. Außerdem habe sich gezeigt, dass schon die Anwesenheit der blau gekleideten Jugendlichen ausreiche, um Vandalismus und Prügeleien zu verhindern.

„Wenn es wirklich mal Ärger gibt, geht es meistens um Zigaretten“, erzählt Pascal. Einmal habe er bei einer Schlägerei „etwas abbekommen“, als er einen der Kontrahenten wegzog. „Aber das war nicht schlimm.“ Er könne sogar ein Messer abwehren und Judo trainiere er auch. „Eigentlich sollt ihr ja nicht auf diese Weise eingreifen“, sagt Günter Baumgarten, der neben Pascal im Bus steht. Der ehemalige Busfahrer ist sozusagen die gute Seele des Projekts. Er nimmt die neuen Schülerbegleiter so lange an die Hand, bis sie sich die Fahrten alleine zutrauen. Und später sieht er regelmäßig nach seinen Schützlingen, steht morgens manchmal ohne Vorwarnung an der Bushaltestelle. Immer in der ersten großen Pause hat er Sprechstunde, an jedem Tag in einer anderen Schule, die an dem Projekt teilnimmt. Auch abends und am Wochenende ist der Familienvater ständig erreichbar für die Schülerbegleiter – oft geht es dann um Liebeskummer oder Ärger mit den Eltern.

Nach Pascals Worten über Prügeleien und Messer wirkt der sonst so gutmütige Mann etwas verstimmt. „Ihr habt doch bei eurer Ausbildung gelernt, dass ihr euch nie selbst in Gefahr bringen sollt“, sagt er mit gerunzelter Stirn. Er erinnert den 16-Jährigen daran, dass es bei dem Projekt darum gehe, brenzlige Situationen zu entschärfen – um Deeskalation. Pascal sieht etwas schuldbewusst drein. Und erzählt dann, was er in dem viertägigen Kurs für die Schülerbegleiter bei den Spezialisten vom Antigewaltprogramm der Polizei gelernt hat: „Wir sollen mindestens eine Armlänge Abstand vom Täter halten und ihn nie in die Enge treiben.“ Damit sie dabei sicher und bestimmt auftreten können, gehört ein spezielles Körpertraining zur Ausbildung. Laut „Stopp“ zu schreien, lernen sie dabei etwa. Und auch, dass sie mit einer aufrechten Haltung eher respektiert werden als mit krummem Rücken.

600 Schüler sind seit dem Beginn des Projekts im Jahr 2002 so ausgebildet worden, viele haben inzwischen die Schule beendet, sind deshalb nicht mehr dabei. „Mit dem Zertifikat, das wir ihnen ausstellen, haben sie einen besonderen Vorteil bei der Lehrstellensuche“, sagt Projektleiter Schimmelpfennig. „Aus Großschnauzen und Stänkerern machen wir verantwortungsbewusste, pünktliche und höfliche Schülerbegleiter.“ Pascal ist dafür ein Paradebeispiel: „Mich musste früher nur einer komisch angucken, dann habe ich sofort zugeschlagen. Jetzt juckt mich so etwas nicht mehr“, sagt er. Und seine Noten sind auch besser geworden.

Vielleicht liegt der Vorteil bei der Lehrstellensuche auch daran, dass sich das couragierte Eingreifen einiger Schülerbegleiter herumgesprochen hat: Eine Zwölfjährige konnten sie vor einem Exhibitionisten retten. Und einem Räuber die Handtasche einer alten Dame wieder abjagen. Pascals Freund Matty hat noch keinen so spektakulären Fall erlebt. Der 15-Jährige spricht hauptsächlich Mitschüler an, wenn er sieht, wie sie Sitze beschmieren oder Scheiben zerkratzen. „Ich erkläre ihnen dann, wie teuer das für die BVG ist.“ Damit kann er die Sünder meist überzeugen, verpetzen möchte er keinen.

Dass die Schülerbegleiter gute Arbeit leisten, davon sind noch nicht alle überzeugt: Siebtklässler, die gerade ihre ersten Schritte als Schülerbegleiter machen, werden oft wegen ihrer Uniform von Mitschülern gehänselt. Doch der Respekt einflößende Pascal nimmt die Anfänger inzwischen häufig unter seine Fittiche. Dann traut sich niemand mehr, sie zu verspotten. Ihn selbst stört es nicht, dass er mit Kappe und Weste oft für einen Service-Mitarbeiter der BVG gehalten wird – immer dann, wenn Fahrgäste ihren Ärger über irgendetwas los werden wollen.

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