Berlin : Ein ganz besonderes Paar

Stirbt das alte West-Berlin? Die Friedrichstraße blüht, doch auch der Ku’damm floriert – und die Stadt lebt gut mit beiden Boulevards

Lothar Heinke

Es ist kalt. Aber der Schönen macht das gar nichts aus. Sie sitzt in ihrem Schaufenster im Quartier 206 an der Friedrichstraße, zeigt wenig Stoff, viel Haut und blickt unentwegt den Boulevard entlang. Unsere Lady wirbt für sommerliches Schuhwerk. Ihr Foto ist ein Blickfang für die modischen Accessoires von Louis Vuitton. Daneben stehen drei Damentaschen im Schaufenster, die kosten 925, 775 und 620 Euro. Links geht es geradewegs hinein ins Kaufland der Friedrichstadtpassagen, wo wir weitere Weltmarken und manche Überraschungen treffen und unterirdisch in die Schlemmerkellerei der Galeries Lafayette geraten, verloren zwischen frischen Austern, Bordeaux, Champagner, Käse, Kaviar und Crêpes. Und über uns ein paar Etagen pfiffige Mode, Chanel, Gucci und Gaultier – „Bonjour!“ haben wir vor nun schon zehn Jahren gesagt, damals, am 29. Februar 1996, als die Glaskommode des bekannten Pariser Architekten Jean Nouvel öffnete und Paris mitten in Berlin gelandet war, noch dazu an der Französischen Straße und nahe dem Französischen Dom. Wenn das „Lafayette“ sein Jubiläum feiert, dann werden sie in den Reden erzählen, wie sie sich gefühlt haben Anfang der Neunziger, ein bisschen wie Pioniere mit Neuland unter der Baggerschaufel, und das können alle, die später hinzukamen, auch von sich sagen: Wir haben den Osten erobert und eine Einkaufsstraße hingebaut, die sich, wie die Fachwelt sagt, „international als Einkaufsstandort und Dienstleistungszentrum etabliert hat“.

Von der „alten“ Friedrichstraße sind eigentlich nur drei wichtige Häuser geblieben – das Hotel Maritim, das Westin Grand und das Russische Haus. Hier hatte die Neuzeit begonnen. Dann ging das Schlag auf Schlag, Bauen, Feiern, Optimismus verbreiten, Eröffnen, Durchhalten. Manch einer musste seine Durststrecke überstehen, das Kulturkaufhaus Dussmann mit seinem neuen Konzept vielleicht am wenigsten. Aber die Erfolge kamen proportional mit den Gästen, die, neugierig geworden, die Stadt der Teilung und zugleich die Stadt der Einheit schmecken und fühlen wollten, erlebnishungrig, wie sie waren. Die schräge „Oranienburger“, die Hackeschen Höfe, der noble Gendarmenmarkt, die langweiligen, von altem Ruhm zehrenden und vom neuen Pariser Platz inspirierten „Linden“ und der weltberühmte Checkpoint Charlie – diese Attraktionen, zusammen mit dem Weltkulturerbe auf der Museumsinsel lotsten die Touristen auch in die Cafés und Geschäfte der Friedrichstraße. Das heißt, ins mittlere Stück zwischen Weidendammer Brücke und Checkpoint, etwas mehr als ein Kilometer lang. Der nördliche Teil wartet noch auf Belebung, ebenso das Südende in Richtung Mehringplatz.

Hier setzen wir uns in den historischen Bus „M29“, der uns schon als Nummer 129 nach der Wende zum Kurfürstendamm geschaukelt hat. In jüngster Zeit gibt es ängstliche, jammernde und mahnende Stimmen, die dem Boulevard den Tod vorhersagen. Alle Jahre wieder. Woher dieser Kleinmut? Ist es Neid auf die Ost-Konkurrenz, der man solch Höhenflug nie zugetraut hätte? Mein Gott, habt ihr, Brüder und Schwestern im Westen, nicht eine Menge dazugewonnen, eine halbe Stadt und das ganze Umland? Wahrlich: Unser aller stolzer Ku’damm ist unsterblich, auch er verändert sich, selbst seine Nebenstraßen sind einfach unschlagbar. Sogar jetzt, in der touristenarmen Zeit, kann sich die Magistrale der West-City über einen Mangel an Beachtung nicht beklagen. Viel ist neu gebaut worden; an der Joachimsthaler Straße entstanden der Glaspalast des neuen Kranzler-Ecks und aufregende Hoteltürme. Und das alteingesessene Europa-Center wird gerade komplett umgebaut.

Sie ist viel länger und viel breiter als die jüngere Ost-Schwester mit ihren engen Bürgersteigen – auf dem Kurfürstendamm kann man richtig bummeln und die satten Bürgerhäuser mit ihren Balkons, mit Gittern und Schnörkeleien betrachten, darunter die Auslagen in teuren Geschäften. Hier gibt es über 1500 Läden, in der Friedrichstraße sind es nur 232. Bei einer Zählung im Mai 2005 kam man auf dem Kurfürstendamm/Fasanenstraße in einer Stunde auf 4000 Leute, in der Friedrichstraße waren es in 60 Minuten 1400 Menschen. Am Tauentzien (KaDeWe!) liefen an einem Sonnabend die Zählmaschinen heiß, 11 000 Menschen hasteten in einer Stunde vorbei. Dass sich das Bild ständig ändert, alte Namen verschwinden und neue auftauchen, ist in einer stürmischen Zeit des wirtschaftlichen Auf und Ab nicht verwunderlich; wenn allerdings das Kapital – wie an den Ku’damm-Bühnen – verrückt spielt und rüpelhaft versucht, quicklebendige Traditionen auszulöschen, muss SOS gefunkt und gehandelt werden. Politisch. Ganz oben. Die Verwandlung einer Institution wie das „Kranzler“ in ein bloßes Zitat ist schlimm genug. Aber Beweise, dass das alte West-Berlin untergeht, sind das nicht.

Interessant sind die Beobachtungen bei Louis Vuitton, die – wie Cartier, Chanel, Gucci, Bulgari – auf dem Ku’damm und in der Friedrichstraße vertreten sind. In Charlottenburg, sagen sie, geht „der alte Westen“ einkaufen, gepflegte Stammkundschaft also. Zur Friedrichstraße, Synonym für Neu-Berlin, lockt Neugier die Touristen, und jeder gute Reiseführer. Herr Ku’damm und Frau Friedrichstraße sind ein wunderbares Paar. Wir sind froh, beide zu haben. Ein Rosenkrieg findet nicht statt.

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