Berlin : Ein Gespenst geht um

Im Berliner Ensemble fragten Gewerkschafter, Professor, Intendant und Unternehmer, ob man Karl Marx wieder braucht

David Ensikat

Zuerst einmal Bert Brecht, der hat immer Recht, wir sind hier am Berliner Ensemble. Die Schauspieler rufen und singen es zu Beginn der Matinee von der Bühne herab: Die Welt ist eine Wippe, auf der einen Seite die Reichen, auf der anderen die Armen, und weil die Armen mehr sind als die Reichen, bleiben die Reichen auf ihrer Wippenseite oben. Logisch. Muss man was dagegen tun. Die Schauspieler rufen mit hungrigem Blick ins gut gekleidete Publikum: „Wir brauchen nicht den Arbeitsplatz! Wir brauchen die Fabrik! Wir brauchen die Macht im Staat!“ Applaus im vollen Haus. Und schließlich noch das Lehrstück über den Gewerkschafter: „Der Kapitalismus ist krank, und du bist der Doktor!“

Oh, oh, gleich kommt Michael Sommer auf die Bühne, Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Mit ihm treten auf und sollen mit ihm diskutieren, ob wir einen neuen Karl Marx brauchen, einen, der den Kapitalismus nicht verdoktert, sondern ganz abschafft: Claus Peymann, Berliner-Ensemble-Chef, zuständig für die Moral, Friedhelm Hengsbach, Professor für Wirtschaftsethik, Zuständigkeit klar, und Heinz Dürr, schwäbelnder Unternehmer, ehemals Bahnchef, jetzt Kulturmäzen, zuständig fürs Klassenfeindliche.

Der Moderator stellt Michael Sommer, dem Chefgewerkschafter, nicht die Brechtfrage (warum er mit den Kapitalisten gemeinsame Sache macht), er fragt ihn, ob er sich zu seiner Schuld am deutschen Dilemma bekenne, das darin bestehe, so die allgemeine Wirtschaftswissenschaft, dass die Löhne viel zu hoch sind, hier zu Lande. Sommer sagt „Ja, schuldig“, und kommt aufs Thema: Karl Marx. Dessen schönster Satz sei doch der mit dem Gespenst in Europa, aber heute sei das Gespenst ein ganz anderes als damals. Da war das der Kommunismus, der die Kapitalisten erzittern ließ, heute sei das die Globalisierung. Bei uns koste die Arbeitsstunde 60 Euro, in Polen zehn, und die Polen müssten sich bald am ukrainischen Niveau orientieren. Wo soll denn das hinführen?

Heinz Dürr, der Wirtschaftsschwabe, findet: „Nein, das Gespenst ist nicht die Globalisierung, das ist die Finanzwirtschaft!“ Auch gut, jedenfalls stimmen ihm alle zu. Es gibt auch gleich das Beispiel Telekom: Die haben an der Börse Milliarden verjuxt und entlassen dafür Tausende.

Claus Peymann spricht von noch einem anderen Gespenst: Krieg. Könnte es nicht sein, dass alles auf den zuwankt? Brecht habe seine „superaktuellen“ Sachen ja in der Weimarer Zeit geschrieben. Heinz Dürr meint drauf: Wenn’s auf den Krieg hinausläuft, hieße da der neue Marx nicht Bin Laden? Och, nö, raunt das Publikum.

Ja, die Debatte zerfasert ein wenig, einig sind sich nur alle: Ein Gespenst geht um, so wie es ist, kann es nicht bleiben.

Was also tun? Die Rezepte sind nun wieder sehr unterschiedlich. Der Gewerkschafter empfiehlt: Mehr links, weniger rechts, mehr Politik, weniger Ökonomie! Der Wirtschaftsethiker sagt, man müsse die Kapitalmärkte regeln und neue Arbeitsbereiche fördern – Kultur, Bildung, solche Sachen. Und der Unternehmer findet, es helfe nur Moral, alle müssten fürs Gemeinsame einstehen (auch wenn doch immer gelte: „Der Mensch isch gut, aber die Leut’ sind a G’sindel“).

Zum Schluss ruft einer aus dem Publikum: „Was ist mit Marx? Warum sitzt da kein Marxist auf dem Podium? Soll ja noch ein paar geben, hier und da.“ Schweigen.

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