Berlin : Ein Gespräch mit dem Saxophonist über Buddha, Bartmoden und Blastechniken

Früher haben Sie Ihren Bart mit einem Gummi h

Pharoah Sanders, 59, Gilt Als Einer Der Wichtigsten Erneuerer Des Jazz. John Coltrane, in dessen Formation Sanders von 1965 bis 1967 Saxophon spielte, sagte über ihn: "Er verkörpert Energie und dringt stets zum Wesentlichen vor." Sanders, geboren in Arkansas, hatte Klavierunterricht bei seinem Großvater und spielte Schlagzeug, Klarinette und Flöte, bevor er sich mit 16 dem Tenorsaxophon zuwandte. Seine Auftritte mit John Coltrane und Sun Ra sind legendär, seine Alben "Karma" und "Prince Of Peace" gelten als Jahrhunderaufnahmen. Am Sonnabend spielt Pharoah Sanders im Tränenpalast, 22.30 Uhr. Das Gespräch führte Maxi Sickert.



Früher haben Sie Ihren Bart mit einem Gummi hochgeknotet. Jetzt ist er kurz. Warum?

Ich hatte das Gefühl, mich verändern zu wollen. Außerdem war es unpraktisch, dass die Haare sich in den Saxophonklapppen verfingen. Aber es ist ungewohnt. Vielleicht lasse ich ihn wieder wachsen.

Sie sind vor ein paar Tagen 59 Jahre alt geworden. Hat Ihr Wunsch nach Veränderung etwas mit dem Alter zu tun?

Ich weiß nicht, ich denke nicht über mein Alter nach. Vielleicht weil ich nie meinen Geburtstag feiere. Schon als Kind nicht. Ich mag keine Partys. Keine eigenen und auch nicht die von anderen. Am liebsten bin ich allein und kümmere mich um meine Musik.

Warum dann die Bartschere?

Vor allem habe ich mich räumlich verändert. Ich bin von New York weggezogen aufs Land, nach Kalifornien, Sacramento. In New York habe ich mich wie in einer Mausefalle gefühlt. Jetzt lebe ich in meinem eigenen Haus und habe endlich Platz, Raum.

Und was machen Sie dort den ganzen Tag?

Ich übe. Auf meinem Klavier, meiner Harfe, meinem Saxophon und meinen Flöten und anderen Instrumenten. Und ich komponiere. Die Musik nimmt meine ganze Energie in sich auf.

Gibt es in Ihrem Leben auch Platz für Bücher und Kunst?

Ich lese sehr viel. Bücher über Sprirtualität, Yoga und die heilende Kraft der Musik. In New York bin ich oft ins Museum gegangen. Ich mag die Bilder von Romare Bearden und afrikanische Kunst. Früher wollte ich Maler werden, aber irgendwann habe ich gemerkt, dass ich mich durch die Musik besser ausdrücken kann. In meiner Geburtsstadt Little Rock in Arkansas gab es eine Band, die einen Tenorsaxophonisten suchte und ich brauchte Geld. Also war es eher Zufall, dass ich zur Musik gekommen bin. Und dann habe ich mich in sie verliebt.

Treten Sie in Kalifornien manchmal auf?

Nein, nie. Ich bin immer zu Hause. Ich hätte gerne mehr Auftrittsmöglichkeiten. Wenn mich jemand anruft und Arbeit für mich hat, dann komme ich.

Seit wann nennen sie sich "Pharoah"?

Meine Großmutter nannte mich Farrell, nach der Bibel. Ich war das einzige Kind. Pharoah (er spricht es "Fayro") ist einfach mein Künstlername, seit ich nach New York kam.

Ihr aktuelles Album trägt den Titel "Save Our Children" und wurde von Bill Laswell für Verve produziert. Haben Sie Kinder?

Ich habe vier Söhne und zwei Töchter, aber ich sehe sie selten. Meine Söhne machen auch Musik. Zwei spielen Schlagzeug und die anderen Klavier. Aber wir spielen nie zusammen. Sie haben ihre Sachen laufen und ich habe meine. "Save Our Children" meint die Kinder in aller Welt. Kinder sterben, Kinder bekommen Kinder, Kinder töten Kinder in dieser Zeit. Sie bringen sich in den Schulen gegenseitig um. Das ist sehr traurig. Aber ich bin nicht politisch. Ich spiele meine Musik, das ist meine Welt.

Kam die Idee zu dem Album von Ihnen?

Nein, es war Bill Laswells Idee. Er hat auch die Musiker ausgewählt. Mein Pianist William Henderson ist der Einzige mit dem ich seit zwanzig Jahren regelmäßig zusammen spiele. Da ich so wenig Gelegenheit habe zu spielen, kann ich mir leider keine feste Band leisten.

Warum haben Sie keine Platte mit Ihren eigenen Kompositionen gemacht?

Wenn mir das jemand anbietet, sage ich sicher nicht nein. Aber für die Plattenfirmen geht es doch letztendlich um die Verkaufszahlen. Meine Musik kann man nicht einordnen. Ich bin nicht so sehr ein Jazz-Spieler. "Weltmusiker" paßt besser zu mir. Ich gehöre keinem Stil an. Was mich spirituell berührt, das spiele ich.

Ihre große Zeit waren die sechziger Jahre, als Sie mit John Coltrane auftraten und die berühmten Stücke "The Creator Has A Masterplan" und "Prince Of Peace" aufnahmen. Bei beiden Titeln singt Leon Thomas, der im Mai diesen Jahres starb. Er war der einzige Sänger, mit dem Sie jemals gearbeitet haben, jetzt singen Sie selbst. Warum endete die Zusammenarbeit?

Die Sache mit Leon war, dass sich plötzlich Dinge für ihn ergaben, Gelegenheiten. Andere Plattenfirmen fragten ihn und wollten mit ihm aufnehmen. Zu der Zeit dachte ich, es wäre gut für ihn, wenn er etwas Eigenes macht, mit seiner eigenen Band. Hier in Berlin ist jetzt wieder ein Sänger dabei, eine Idee von Hubertus von Fallois. Mal sehen, wie es wird.

Nachdem es lange Zeit ruhig um Sie gewesen ist, sind Sie in den letzten Jahren von jungen Musikern wiederentdeckt worden, die Ihre alten Hits für Acid-Jazz-Samples benutzen. Gefällt Ihnen das?

Es ist eine Ehre. Es fühlt sich gut an, dass sich jemand für meine Musik interessiert. Für etwas, dass ich geschaffen habe.

In Ihrer Musik ist viel von Gott die Rede. Er ist der "Schöpfer", der "Lord" und der "Friedensprinz". Sind Sie religiös?

Nicht im Sinne von christlich oder buddhistisch. Ich glaube an einen Schöpfer, an den Schöpfer. Er ist der Spirit. Ich glaube, dass Musik überhaupt eine sehr spirituelle Sache ist. Ich gehe mit, wohin immer mein Spirit mich trägt.

Sie beenden jedes Konzert mit dem Ausstreichen des Klanges einer tibetischen "Singing Bowl". Waren Sie jemals in Tibet?

Nein, nie. Leider. Ich würde gerne mit vielen verschiedenen Kulturen zusammen kommen, um die spirituellste Art der Musik zu erfahren. Afrika, Indien, Asien und auch Europa. Die Musik aus Finnland, Spanien und der Türkei hat ebenfalls spirituelle Tiefe. Und ich bin überall auf der Suche nach Instrumenten. Beim letzten Gig zerbrach jemand meine Doppelrohrblattflöte, deswegen kann ich sie hier nicht spielen. Ich hatte sie seit über zwanzig Jahren.

Der Trompeter Wynton Marsalis versucht als Jazz-Leiter des New Yorker Lincoln Centers den Jazz als die "amerikanische Klassik" zu etablieren. In seiner eng gefassten Jazzdefinition ist für die Musik eines Pharoah Sanders kein Platz. Stört Sie das?

Wynton ist ein junger Mann. Er hat seine Ansichten und ich habe meine. Jeder ist das, was er sein will. Vielleicht möchte er ein Musikhistoriker sein, ich weiß es nicht. Ich bin ein Musiker. Hör mich spielen, das ist es, was ich tue.

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