Berlin : Ein goldener Schlüssel für den Weltsaal

Eva Schweitzer

Das Dienstgebäude des Auswärtigen Amtes wurde gestern offiziell übergeben - bezogen ist es schon seit MonatenEva Schweitzer

"In Bonn", bemerkte Bundesaußenminister Joschka Fischer, "gab es gestern ein Erdbeben - wir haben uns also hierher in Sicherheit begeben." Erdbebensicher ist es bestimmt, das neue Haus des Auswärtigen Amtes, für das Fischer gestern den symbolischen goldenen Schlüssel aus der Hand von Bundesbauminster Reinhard Klimmt empfing. Und nicht nur das: Die ehemalige Reichsbank mit ihren 50 000 Büroquadratmetern, ist, wie der Architekt Hans Kollhoff sagte, ein "gutgebautes Haus" und ein Symbol der "Nachhaltigkeit". Nachhaltig werden den rund 2000 Mitarbeiter auch ihre ersten Arbeitsmonate in Erinnerung bleiben, die sie auf einer halben Baustelle verbrachten. Aber, sagte Klimmt, man habe "wirklich umziehen" wollen, statt vorher alles bis ins Detail durchzuplanen.

Im "Weltsaal", in dem der Festakt stattfand, war erst vor wenigen Tagen das Parkett poliert worden. In der früheren Kassenhalle haben die Architekten Oberlichter installiert, nachdem zu DDR-Zeiten eine Zwischendecke einzogen worden war. Die Weltkarte an der Stirnseite ist so neu wie die Kronleuchter, die aber das "wunderbare Licht" alter Lampen haben, so Kollhoff. Sowohl der Altbau als auch der Neubau von Thomas Müller und Ivan Reimann mit der Fassade zur Friedrichswerderschen Kirche wurden nach ökologischen Kriterien ausgebaut. Dass hier einmal ein grüner Minister sitzen würde, sei damals "selbstverständlich vorausgeahnt worden", meinte Klimmt.

Am Haus des Auswärtigen Amtes am Werderschen Markt ist die Vergangenheit genauso ablesbar wie die heutige Funktion: Zwischen 1934 und 1938 erbaut für die Reichsbank, in der DDR-Zeit Sitz des Zentralkomitees der SED, nun Bundesministerium. Ein "drei-Schichten-Ansatz" hat Kollhoff bei der Renovierung geleitet: Die Bauschichten aus den dreißiger Jahren und der Nachkriegszeit wurden möglichst erhalten, wo es funktional wichtig war, wurde eine dritte Schicht hinzugefügt.

Der Vorraum vor dem "Weltsaal" ist strahlendblau überdacht, das Blau von einem Kranz tagheller Lichtstäbe umgeben. Das Deckengemälde von Gerhard Merz ist neu; der rote Marmor an den Wänden wiederum ist der ursprünglichen Gestaltung nachempfunden. Auf den eilenden Adler, der früher die Treppe flankierte, wurde hingegen verzichtet. An den "Weltsaal" schließt sich der "Europasaal" an, mit Parkett aus verschiedenfarbigen Holz ausgelegt.

Für Empfänge oder Konferenzen lassen sich die Räume verbinden, auch mit dem Presseraum. Der verfügt - modernster Stand der Technik - über Dolmetscherkabinen und digitale Anschlüsse nach draußen für die Übertragungswagen der Fernsehsender. In Bonn wurden die Kabel - so heißt es - durch die Fenster im ersten Stock nach draußen gelegt.

Zu Wiederherstellung des Historischen gehört, dass hunderte von zugemauerten Fenstern in den Bogenbrücken im Hof geöffnet wurden. Ein neues Element hingegen ist das Lagezentrum im Parterre, das 24 Stunden am Tag besetzt ist - Erdbeben, Flugzeugentführungen und Staatskrisen richten sich nicht nach normalen Bürozeiten. In einem Konferenzraum nebenan sind noch einige der stählernen Tresortüren aus der NS-Zeit erhalten, einen Meter dick und tonnenschwer. Sie sichern die Fenster zum Hof.

Die meisten der Büroräume, tausend an der Zahl, liegen im Altbau, jedoch wurden ihre Grundrisse bei der 545 Millionen teuren Renovierung vollkommen neu gestaltet. Auch der Minister selbst sitzt - aus Sicherheitsgründen - im Altbau, während der Neubau die Bücherei sowie einige Büros beherbergt. Dies ist übrigens das einzige, was Fischer nicht gefällt. Er blicke nun auf eine Wand, "während mein Abteilungsleiter im Neubau den Blick über die Museumsinsel schweifen lassen kann".

Dem Bau war eine jahrelange Planungsgeschichte vorausgegangen. Das Auswärtige Amt wollte ursprünglich einen einzigen großen Neubau, war es in Bonn doch auf 24 verschiedene Häuser verteilt. Der sollte auf den Ministergärten entstehen. Nächster Plan war, das Amt in einen Neubau in der Stadtmitte unterzubringen. Bis dieser fertig sein würde, sollten die Beamten im von den Franzosen geräumten "Quartier Napoleon" einziehen. Im März 1994 strich jedoch der Haushaltsausschuss alle Neubauten, woraufhin der damalige Außenminster Klaus Kinkel eine eigene Idee beisteuerte: Er wollte das Haus der Treuhand-Anstalt an der Leipziger Straße. Das aber war schon für das Wirtschaftsministerium vorgesehen. Zwischendurch wurde sogar debattiert, Kinkel in einem Bauwerk anstelle des Palastes der Republik unterzubringen.

Im Juni 1994, nach dem Spreeinsel-Wettbewerb, sollte Auswärtige Amt dann doch einen Neubau erhalten, dort, wo das Staatsrats-Gebäude steht. Gegen den Abriss regte sich jedoch Kritik. Schließlich entschied der Umzugsbeauftragte Klaus Töpfer: Der Staatsrat bleibt. Nach dreijähriger Bauzeit wurde das heute bezogene Haus fertiggestellt. "Wenn man heute durch die Gebäude in Bonn geht", sagte der Personalratsvorsitzende Friedrich Däuble zur Schlüsselübergabe, "kann man sich gegen das Erstaunen nicht wehren, dass man in solch schäbigen Gebäuden jahrzehntelang gearbeitet hat.Das Auswärtige Amt veranstaltet am Sonnabend, den 29. Januar von 10 bis 18 Uhr einen Tag der offenen Tür (bitte Personalausweis mitbringen).

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