Berlin : Ein Gott, ein Ziel und viele Brüder

In der Philippuskirche in Friedenau beten Christen und Juden gemeinsam

Sebastian Leber

Den Talar haben beide zu Hause gelassen, stattdessen stehen sie im Anzug nebeneinander vorm Altar. Einziger Unterschied: Der Pfarrer trägt die gestreifte Krawatte, der Rabbi die gepunktete. Und eine Kippa auf dem Hinterkopf, natürlich. Zum achten Mal feiern Christen und Juden zusammen Gottesdienst in der Philippuskirche in Friedenau. Immer zum sogenannten Israelsonntag, an dem Christen dem Volk Israel und der Zerstörung des Jerusalemer Tempels gedenken. Was sagt man an so einem Tag zum Konflikt im Nahen Osten, zum gerade beendeten Krieg im Libanon? Erstmal gar nichts, erstmal werden die Lieder eingeprobt. Zumindest die hebräischen, die sonst in der Synagoge gesungen werden. Vihudah le’olam teshev zum Beispiel. Auf deutsch: Juda bleibe für immer bewohnt. Pfarrer Wolfgang Blech freut sich, dass seine Gemeinde die Übungseinheit mitmacht, schwierige Stellen auch gerne dreimal probt. „Das lebenslange Lernen scheint heute angesagt.“ Dann erzählt Rabbi Andreas Nachama von dem Wanderer an der Wegeskreuzung, ein altes jüdisches Gleichnis. In die eine Richtung führt eine gepflasterte Straße, in die andere ein Feldweg. Aber ein alter Mann warnt den Wanderer, dass die Straße nicht zu Ende gebaut ist und in die Sackgasse führt. Der Feldweg dagegen sei unbequem, aber führe zum Ziel. So ist das auch im Alltag, sagt Nachama. Dauernd muss man sich neu entscheiden, und die simplen Lösungen sind so verlockend. Eine „Gebrauchsanweisung“ für richtige Entscheidungen böten die Bücher Moses. Die Juden nennen sie Tora, die Christen haben sie in der Bibel. Ja, Juden und Christen seien Brüder.

Beim Fürbittengebet wird an alle gedacht: an Juden, Muslime und Christen, auf dass sie „das Friedenspotenzial ihrer jeweiligen Religion erkennen“ und nutzen. Nach dem Gottesdienst gibt’s Kaffee und Kekse. Und einen regen Austausch darüber, wie das nun alles unter einen Hut gehen soll mit den vielen Weltreligionen und dem einen Gott. Eine Frau bringt es auf den Punkt: Vor dem Jüngsten Gericht werde Gott schon entscheiden, welche Religion die Richtige war. Und das Tolle: „Wer dann auf dem falschen Dampfer gesessen hat, dem vergibt Gott.“

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