Berlin : Ein Gottesacker für die Berliner Prominenz

Der Südwestkirchhof Stahnsdorf lädt zur Langen Nacht

Andreas Conrad

Am Ende blieben nur Reue, Demut und Bescheidenheit: „eine weiße Marmorplatte, darauf stand nichts als ,Effi Briest’ und darunter ein Kreuz. Das war Effis letzte Bitte gewesen: ,Ich möchte auf meinem Stein meinen alten Namen wieder haben; ich habe dem anderen keine Ehre gemacht.’ Und es war ihr versprochen worden.“ Eine Dichtung, die zu Herzen geht. Die Wahrheit sieht nüchterner aus als in Fontanes Roman. Da ist der Grabstein eng beschrieben: „Elisabeth Baronin von Ardenne geb. Freiin und Edle von Plotho geb. 26.10.1853 gest. 5.2.1952 Offb. Joh. 14.13“. Aber in gewissem Sinne handelt es sich doch um die gleiche Person. Die arme Elisabeth, Großmutter des Wissenschaftlers Manfred von Ardenne, war das Vorbild zu Fontanes Romanfigur. Anders als Effi, die im Park des elterlichen Herrenhauses zu Hohen-Cremmen ihre letzte Ruhe fand, wurde sie auf dem Südwestkirchhof Stahnsdorf bestattet. Ein räumliches Verbindungsglied gibt es dennoch: Nicht weit von Elisabeth entfernt ist Theodor Fontane begraben, zweiter Sohn des Dichters und Mitherausgeber seiner Werke.

Die Liste der berühmten Toten in Stahnsdorf, meist Künstler, Wissenschaftler und Industrielle, umfasst Maler wie Heinrich Zille und Lovis Corinth, den Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau, den Komponisten Engelbert Humperdinck, Flugpionier Edmund Rumpler, den Hellseher Erik-Jan Hanussen, Firmengründer Werner von Siemens, die Verleger Louis-Ferdinand Ullstein und Gustav Langenscheidt oder den SPD-Politiker Rudolf Breitscheid. Selbst François Haby, der Hoffriseur Wilhelms II., fand hier seine letzte Ruhe.

Der Südwestkirchhof, der heute zur Langen Nacht lädt (siehe grauen Kasten), zeugt noch immer von dem Aufschwung, den Berlin und Nachbargemeinden wie Charlottenburg und Schöneberg Anfang des letzten Jahrhunderts nahmen. Mit dem Bevölkerungszuwachs stieg der Bedarf an Begräbnisstätten, für die der innerstädtische Boden zu teuer wurde. Der 1895 gegründete Stadtsynodalverband, Zusammenschluss der Kirchengemeinden, suchte daher neue Lösungen und fand sie unter anderem bei Stahnsdorf. 1909 wurde der heute 206 Hektar große Waldfriedhof geweiht, für ein halbes Jahrhundert wurde er einer der wichtigsten Friedhöfe Berlins und zweifellos der malerischste.

Der Weg über den Friedhof, der nach dem Mauerbau in einen Dornröschenschlaf versank, ist ein Spaziergang durch ein halbes Jahrhundert Kulturgeschichte. Er führt von ehrwürdigen Mausoleen mit antikisierendem Dekor bis zu der expressionistischen, durch Max Taut geschaffenen Begräbnisstätte des 1920 gestorbenen Kaufmanns Julius Wissinger. Das ungewöhnliche, anfangs in der Synode heftig kritisierte Grabmal zeigt leider noch immer die schweren Schäden, die der Sturm im Juli letzten Jahres daran angerichtet hat. Hunderte von Grabsteinen hat man seither bereits wieder aufgerichtet, für das Wissinger-Grab fehlte bislang das Geld. Auch über 1000 Bäume fielen dem Sturm zum Opfer, die in diesem Herbst durch Neuanpflanzungen ersetzt werden sollen, wie Friedhofsverwalter Olaf Ihlefeld sagt. Die Lange Nacht des Friedhofs soll helfen, die Sanierung zu finanzieren. Auch Effi Briest wird dabei sein, besucht an diesem Abend gewissermaßen das Grab der Frau, der sie ihre literarische Existenz verdankt: Das Maxim Gorki Theater stellt die dramatisierte Fassung vor – in ausgewählten Szenen. Die ganze Geschichte, da hatte der alte Briest ganz Recht, wäre doch „ein zu weites Feld“.

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