Berlin : Ein grüner Radler mit Stehvermögen

Verkehrsexperte Michael Cramer will nach Europa

Sabine Beikler

Für ein politisches Ziel trat er zehn Jahre lang nach unten: Der grüne Verkehrspolitiker Michael Cramer ist sämtliche 160 Kilometer des ehemaligen Todesstreifens abgeradelt und hat so den Beweis erbracht: „Mann kann drumherum fahren.“ Nach dieser Erkenntnis verfasste er eine Broschüre über die Mauerstreifzüge, später kam noch ein Radwanderbuch hinzu. Mittlerweile stehen die Mauerreste unter Denkmalschutz, und in Lichterfelde, dort, wo die Gleise den Radweg durchschneiden, wird eine Unterführung gebaut. Mit Leib und Seele ist der 54-Jährige Verkehrspolitiker. Es vergeht kaum eine Gelegenheit, bei der er nicht auf die Bedeutung des öffentlichen Nahverkehrs und den Ausbau des Schienensystems hinweist. Seine Parteifreunde nennen das Hartnäckigkeit, seine politischen Gegner sagen: Der Cramer, der nervt.

15 Jahre Abgeordnetenhaus liegen inzwischen hinter dem Sport- und Musiklehrer. Jetzt will „Mr. Nahverkehr“ nach Europa. Bis er beim Grünen-Parteitag im vergangenen Jahr den zehnten Platz auf der Bundesliste holte, musste er sieben Gegenkandidaten schlagen. Er war der einzige unter den Bewerbern mit Schwerpunkt Verkehrspolitik. Und schlecht stehen seine Chancen nicht, gewählt zu werden: Sollten die Grünen am 13. Juni neun bis zehn Prozent der Stimmen bekommen, wäre ihm der Sprung nach Europa geglückt.

Michael Cramer gehört zu denjenigen, die aus Überzeugung seit 25 Jahren ohne Auto leben. Jeden Tag fährt er mit dem Rad von seiner Wohnung am Halensee ins Abgeordnetenhaus, rund zehn Kilometer in einer halben Stunde, duscht und macht dann Politik. Zu seiner Erfolgsbilanz zählen unter anderem die BVG-Umweltkarte, die Busspuren auf dem Kudamm oder die Erhaltung der Straßenbahnen in Köpenick und Pankow, die die BVG ursprünglich abschaffen wollte. Man sagt ihm nach, dass er an jedem Puffer schon den Straßenbahntyp erkennen kann.

Was nicht viele von ihm wissen, ist sein früheres Engagement in der Deutschlandpolitik. Er hatte die Anerkennung der Ostverträge unterstützt als Schritt zur Wiedervereinigung. Doch im Gegensatz zu vielen Linken kritisierte Cramer auch vehement die Verletzung der Menschen- und Bürgerrechte in der DDR, wofür er Beifall von Rechts und Prügel von Links bekam. Durch sein Einstehen für Menschenrechte erhielt Cramer sieben Jahre Einreiseverbot in die DDR. Seit der Wende engagierte er sich sehr dafür, dass dem letzten Mauer-Toten Chris Gueffroy ein Denkmal gewidmet wird.

Wenn Cramer ins Europäische Parlament einzieht, dann will er als Verkehrspolitiker vor allem die Schienenverbindungen nach Osteuropa verbessern. Wie anstrengend so eine Mammuttour ist, hat er selbst erfahren: Cramer fuhr letztes Jahr mit dem Zug nach Tallinn. Das bedeutete 60 Stunden im Schneckentempo, neunmal umsteigen, mit einem Fußmarsch über die Grenze von Estland nach Lettland. „Heute dauert das doppelt so lang wie 1935 mit der Dampflok.“ Auch den Ausbau der Dresdener Bahn über Prag, Budapest, Bratislawa und Ljubljana will Cramer in Europa zügig durchsetzen.

Und was macht er, wenn er nicht nach Brüssel kommt? „Dann mache ich in Berlin weiter Verkehrspolitik.“ Egal wie: Cramer wird seine politischen Gegner sicher weiter nerven.

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