Berlin : Ein Hauch von Hongkong im Untergrund

Für Fernost produzierte Emailleplatten werden bald auch in der Station Hauptbahnhof der neuen Linie U 55 zu sehen sein

Klaus Kurpjuweit

Es ist eine Strecke der Kuriositäten – die U-Bahn-„Linie“ 55, die im nächsten Mai den Verkehr zwischen dem Hauptbahnhof und der vorläufigen Endstation Brandenburger Tor aufnehmen wird. Mit 1900 Meter wird die Strecke eine der kürzesten U-Bahn-Linien weltweit sein. Zudem ist sie vom übrigen Netz völlig isoliert. Und kurz nach der Eröffnung muss sie schon wieder monatelang stillgelegt werden, weil noch nicht alle Bauarbeiten abgeschlossen sind. Dennoch gibt es im Untergrund einen Hauch von Welt, denn die Station Hauptbahnhof wird wie ein Bahnhof in Hongkong gebaut.

Schon der Bau der Strecke ist etwas Besonderes. Weil der Senat die Arbeiten erst beschlossen, dann gebremst und dann doch wieder gestartet hat, ist das Bauen schwierig. Nun fehlt der Platz im Untergrund. Um den mit Verspätung beschlossenen Bau des Bahnhofs Brandenburger Tor verwirklichen zu können, müssen die Fahrer der Betonmischer Maßarbeit leisten. Sie können ihre schweren Gefährte nur rückwärts durch die Tunnelröhre rangieren, mit zehn Zentimetern Abstand zur Wand.

Der Beton wird am anderen Streckenende, am Hauptbahnhof, durch eine „Materialeinlassöffnung“ in den Untergrund gepumpt, wo die Betonmischer warten. Sie waren mit Hilfe eines Krans in die Tiefe gebracht worden. Später sollen durch dieses Loch auch acht U-Bahn-Wagen auf die Gleise gesetzt werden, die dann den Tunnel acht Jahre lang nicht mehr verlassen sollen.

Weil die Strecke nicht mit dem übrigen Netz verbunden ist, richtet die BVG für die acht Wagen eine Miniwerkstatt in der Abstellanlage am Hauptbahnhof ein – wie es einst die Ost-Berliner Verkehrsbetriebe am Bahnhof Rosa-Luxemburg- Platz vorgemacht hatten. Damit verteuert sich aber auch der Betrieb für die Stummel-U-Bahn. Nur wenn ein großer Schaden auftritt, sollen die Waggons wieder per Kran an die Oberfläche kommen.

Improvisiert hat die BVG auch beim Innenausbau der Station im Hauptbahnhof. Das Architekturbüro Gerkan, Marg und Partner, das den gesamten Hauptbahnhof geplant hat, entwarf für die U-Bahn eine Riesenhalle – 140 Meter lang, 11 Meter hoch und 19 Meter breit. „Viel zu groß“, wie BVG-Bauchef Uwe Kutscher stöhnt. Um Geld zu sparen, werden die Wände jetzt nur fünf Meter hoch mit weißen Emailleplatten verkleidet. Darüber werden die Betonwände nur gestrichen und farbig angestrahlt.

Die Platten stammen von einer sächsischen Firma, die einen Auftrag für Hongkong erhalten hatte. Für die BVG produzierte sie nun gleich mit. Doch auch hier gibt es etwas Besonderes: Zwölf historische Ansichten von alten Fernbahnhöfen Berlins werden die Wände schmücken.

Zu groß geraten ist auch der Bahnhof Reichstag nach Plänen von Axel Schultes und Charlotte Frank. Er sollte die Verbindung zum geplanten Bundesforum und zum Paul-Löbe-Haus des Bundestags herstellen. Doch durch das Forum, in dem Schultes die Ausstellung „Fragen an die Deutsche Geschichte“ unterbringen wollte, soll weiter eine Straße führen, und der Bundestag hat sich im Untergrund eingemauert. Die Verbindungsgalerien im Bahnhof sind nun funktionslos.

Zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 will die BVG den Pariser Platz baustellenfrei gemacht haben. Wann an der U 5 bis zum Alexanderplatz weitergebaut wird, steht nicht fest. Die BVG würde am liebsten sofort loslegen, doch der Senat zieht – noch – nicht mit.

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