Berlin : Ein Haus in Angst

Der Schraubenzieher-Attentäter soll schon vor dem Angriff auf einen 13-Jährigen auffällig geworden sein. Jetzt ermittelt die Kriminalpolizei

Tanja Buntrock

Von Tanja Buntrock

Alexander mag nicht mehr alleine bleiben. Auch im Krankenhaus nicht. Er hat Alpträume, sagt er. Seine Mutter Mira S., 38, wird deshalb bei ihm bleiben und im Bett neben ihm schlafen. So lange, bis ihr 13-jähriger Sohn wieder nach Hause darf. Doch das wird noch einige Tage dauern. Immer noch kleben große Pflaster auf seinen Stichwunden an Unter-, Oberschenkel, Hüfte und Arm.

Mit einem Schraubenzieher hatte, wie berichtet, der 26-jährige Holger W. den Jungen am Sonnabendnachmittag im Treppenhaus eines Wohnhauses in der Neuköllner Ringslebenstraße attackiert. Mehrmals rammte der Mann das Werkzeug in Alexanders Körper.

Alexander, dessen Niere bei dem Angriff verletzt worden ist, schildert: „Er hat uns ohne Grund zunächst mit dem Rad verfolgt. Dann ist er hinter uns hergelaufen, mit dem Schraubenzieher in der Hand. Wir sind in einen Hausflur geflüchtet: Mich hat er im 7. Stock auf der Treppe erwischt. Alexander habe ihn noch angefleht, ihm nichts zu tun – vergeblich.

Nun hat Alexander Angst, wieder nach Hause zu kommen. Seine Mutter überlegt sogar, wegzuziehen aus der Ringslebenstraße, denn: Obwohl Polizeibeamte des Abschnitts 51 kurze Zeit nach der Attacke Holger W. in seiner Wohnung festgenommen haben, ist der Mann am selben Abend wieder frei gekommen. Gestern Nachmittag kam er mit seinem BMX-Rad angefahren und schlich sich über den Fahrradkeller durchs Treppenhaus in seine Wohnung. Dort verschanzte er sich. „Die Beamten sind nach der Festnahme mit ihm zuerst auf die Dienststelle und dann in die psychiatrische Abteilung ins Krankenhaus gefahren“, hieß es bei der Polizei.

Doch der Psychiater hat Holger W. wieder gehen lassen. „In der Psychiatrie sollte abgeklärt werden, ob der Mann psychisch krank ist. Dies konnte aber nicht festgestellt werden. Daraufhin hätte die Polizei den Mann wieder in Haft nehmen müssen. Dies ist aber nicht geschehen“, sagte Vivantes-Sprecherin Fina Geschonnek. Nach Tagesspiegel-Informationen hätten die Beamten nicht einmal versucht, den Täter am selben Abend noch einem Haftrichter vorführen zu lassen. „Wir sind nicht zufrieden, dass der Mann frei ist“, sagte ein Polizeisprecher gestern. Nun hat die Kriminalpolizei die Ermittlungen übernommen. Nach dem Schraubenzieher-Angriff auf Alexander hatten mehrere Nachbarn aus der Umgebung gemeldet, dass Holger W. schon öfter auffällig geworden ist. „Die Kripo befragt derzeit verschiedene Betroffene aus der Umgebung, um genug in der Hand zu haben, damit der Täter doch noch einem Haftrichter vorgeführt werden kann“, sagte ein Polizeisprecher gestern.

Für Holger W.s Nachbarn, den 56-jährigen Isi L., steht fest: „Der Mann ist total gestört. Der gehört in eine Anstalt.“ Ihn habe Holger W. schon vor einem Jahr penetrant ausgefragt und sich dann in Cowboy-Pose vor ihm aufgebaut und seinen Schraubenzieher aus einem imaginären Pistolenholster gezogen.

Mario Herr, 33, ist Holger W.s Ex-Nachbar. Herr hat vier Kinder im Alter zwischen einem und zehn Jahren. „Meiner Schwiegermutter hat Holger W. mal erzählt, dass er einsam ist und eine Frau sucht. Der Mann ist geistig behindert und muss hier weg“, schimpft Herr. Der Familienvater hat wie die meisten Eltern in der Umgebung Angst um seine Kinder. „Die Beamten sollten Holger W. besser abholen: Einige Eltern haben schon angedroht, dem Typen mal einen Besuch abzustatten“, weiß Mario Herr. Für ihn sei klar: Vergreift sich „der Irre“ an einem seiner Kinder, „ist der dran“.

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