Berlin : Ein Haus mit vielen Botschaften

Letzter Serien-Teil: Nordrhein-Westfalen zieht im November um

Elisabeth Binder

Sie kommen langsam, aber gewaltig. Erst Ende November wird die Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen bezugsfähig sein. Aber was für ein Haus! So eins hat es noch nie gegeben. Da gerät die sonst so bodenständig wirkende Landesministerin für Bundes- und Europaangelegenheiten, Hannelore Kraft, richtig ins Schwärmen. Der spektakuläre Neubau in der Hiroshimastraße besteht fast ganz aus Glas, Stahl und Holz. Nur Keller und Treppenhäuser sind aus Beton. Die parabelförmige Rautenfassade aus Holz ist halb so schwer wie normale Fassaden und zur Energieversorgung wird es in Kooperation mit der RWE eine Premiere der Brennstoffzellen-Technik geben.

Das Gebäude setzt nicht nur Standards, sondern auch Themen. Es vermittelt Botschaften – nach den Worten der Ministerin Offenheit und Toleranz, zwei Tugenden, die das ganze Land beherrschen. Insofern bringe es in besonderer Weise auch die Mentalität der Leute rüber.

Die 41-jährige Mühlheimerin spricht mit dem unverkennbaren Akzent ihrer Region, der immer etwas besonders Patentes impliziert. Die Mutter eines neunjährigen Sohnes ist nach jahrelanger Berufserfahrung in diversen EU-Projekten und Netzwerken Europa-Expertin – und als solche viel außerhalb Berlins unterwegs.

Spielen alte Ressentiments aus der Hauptstadtentscheidung eine Rolle, dass so ein großes Bundesland am Schluss des großen Umzugs steht? Bonn liegt schließlich in NRW. „Dass wir aus politischen Gründen nicht als Erste mit wehenden Fahnen nach Berlin wechseln konnten, war ja klar“, sagt die Ministerin. Weitere Nachfragen in dieser Richtung quittiert sie dann konsequent mit einem gequälten „Seien Sie doch nicht so historisch“ und einem Blick, als sei man im Neandertalerkostüm erschienen.

Sie selbst sei überhaupt erst seit 1994 in der Politik („weil mich Dinge gestört haben, die ich verändern wollte“), seit 2000 sitzt sie im Landtag, seit 2001 ist sie Ministerin, seit Juli hat sie den Vorsitz der Europaministerkonferenz; da war der Hauptstadtbeschluss schon Geschichte. Der eigentliche Umzug der Vertretung, die vorübergehend in gemieteten Räumen in der Kurfürstenstraße untergekommen ist, sei ohne Personalprobleme abgeschlossen worden. Dass es so lange gedauert hat, liege im Übrigen auch an der Einzigartigkeit des Gebäudes. „Sowas ist noch nie irgendwo gebaut worden.“

Die Düsseldorfer Architekten Petzinka, Pink und Partner zeichneten zwar auch für die CDU-Zentrale verantwortlich, aber da haben sie hinter der Glasfassade noch massiven Beton hochgezogen. „Man lernt ja immer dazu“, sagt die Ministerin und verkneift sich mit einer Mühe, aus der sie keinen Hehl macht, alle politischen Anspielungen, die ihr dazu auch noch einfielen.

Nordrhein-Westfalen als zukunftweisendes Bundesland wird im Mittelpunkt der vielen geplanten Veranstaltungen stehen: die weitgefächerte Wissenschaftslandschaft mit mehr als 50 Hochschulen, die Kulturregion, die innovativen Industrien, der bedeutsame Chemie-Standort, aber auch die landschaftlichen Schönheiten von Münsterland und Sauerland sollen in diesem modernen Schaufenster so richtig zur Geltung kommen.

Auch die Ergebnisse des gravierenden Strukturwandels in der einstigen Bergwerksregion werden thematisiert. Von 600 000 Bergleuten sind gerade mal 40 000 übrig geblieben. Gerade weil sie den Vergleich mit anderen europäischen Regionen etwa in Frankreich und England kennt, die Ähnliches durchgemacht haben, ist Hannelore Kraft überzeugt: „Wir haben verdammt viel erreicht.“ Das will sie auch in der neuen Hauptstadt ins rechte Licht rücken. Natürlich sind auch eine ganze Reihe von politischen Veranstaltungen mit der Landesregierung geplant. Sponsoren werden bereits heftig umworben, damit die Vertretung endlich den so lange heimatlosen Nordrhein-Westfalen einen gastlichen Sammelpunkt geben kann.

Dafür bürgt unter anderem Ministerialrat Christian von Deuten. Der gebürtige Hamburger, der sich von seiner (Berliner) Ehefrau und seinen Kindern relativ widerstandslos zum Wechsel an die Spree überreden ließ, war in der NRW-Vertretung in Bonn seit 1975 an der Organisation von mehr als 7000 Veranstaltungen beteiligt, und man merkt ihm die Vorfreude an, dass es demnächst wieder richtig rund geht. Hannelore Kraft mit ihrem ständig überfüllten Terminkalender freut sich auf ihr eigenes Büro und eines von zehn Apartments, die Gästen aus der Heimat in dem neuen Gebäude zur Verfügung stehen werden.

Zwar rühmt sie die Gastfreundschaft der Bremer, deren nebenan gelegene Landesvertretung sie mitnutzen konnte, aber selber Hausherrin zu sein, ist doch eine verlockende Perspektive. So zeigt sie ehrliche Begeisterung beim Rundgang, streicht über das Holz der baskischen Kiefer, die besonders hoch und gerade wächst. Kunst am Bau wird kaum möglich sein, dafür ist das Haus selber zu sehr Kunstwerk mit seinem eigenwilligen Lichteinfall durch die gläsernen Decken, für den ein hochspezialisierter Lichtarchitekt verantwortlich ist. Mit Skulpturen wird man vielleicht experimentieren, wenn alles fertig ist.

Von einem jedenfalls sind die Nordrhein-Westfalen mit ihrem ruhigen, unaufgeregten Selbstbewusstsein überzeugt: „Auf dieses Haus kann Berlin sich freuen.“

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