Berlin : Ein Helles, bitte!

Über ein Jahrhundert gehörten Aschingers Bierquellen zu Berlin. Ein Buch schildert die Firmengeschichte

Andreas Conrad

Als man Franz Biberkopf aus dem Gefängnis entlassen hat, verschlägt es ihn als Erstes ins Viertel um den Rosenthaler Platz. Benommen steigt er aus der Elektrischen, von allen Seiten prasselt Großstadtleben auf ihn ein, Passantengewimmel, Schlagzeilen, Reklametafeln, Firmennamen. Einer zuckt kurz auf – „Aschinger“ –, schon hat die Hektik der Metropole Franz weitergespült.

Gleich zu Beginn von Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“, erschienen 1929, kommt dessen Hauptfigur an einer Filiale der einst berühmten Berliner Gastronomiekette vorbei. Doch selbst wenn der Autor ihn auf anderem Weg durch die Stadt geschickt hätte: Auf Aschinger wäre Biberkopf früher oder später gestoßen. Mehr als 30 Bierquellen betrieb das 1892 gegründete Unternehmen in Berlin, Konditoreien, Restaurants, das prachtvolle, gleichwohl defizitäre Weinhaus Rheingold in der Bellevuestraße, den Fürstenhof und das Palast-Hotel am Potsdamer Platz, all dies versorgt durch die Zentrale in der Saarbrücker Straße in Prenzlauer Berg. Das Imperium war das Ergebnis eines atemberaubenden Siegeszuges, zu dem die Brüder August und Carl Aschinger, arme Schlucker aus Württemberg, angetreten waren. Der Titel des Buches von Karl-Heinz Glaser spiegelt das: „Aschingers ,Bierquellen’ erobern Berlin“.

Nun wäre die Geschichte einer erloschenen Berliner Firma – das Restunternehmen meldete 2000/01 Konkurs an – nicht weiter von allgemeinem Interesse, spiegelte sich darin nicht die Entwicklung der Stadt. Und gerade die „Aschingerei“, wie es bei der Konkurrenz neidisch hieß, wäre ohne den rasanten Aufstieg Berlins zur Weltstadt nach 1871 kaum denkbar gewesen. Zwar gab es für die sprunghaft steigende Bevölkerung schon genug Bierlokale, Restaurants und Eckkneipen, aber den Bedürfnissen des neuen, stets eiligen Städters, so zeigt Glaser, entsprach das Aschinger-Angebot offenbar am besten.

Robert Walser hat es in seiner Kurzgeschichte „Aschinger“ beschrieben: „Ein Helles bitte! Der Biereingießer kennt mich schon seit geraumer Zeit. Ich schaue das gefüllte Glas einen Moment an, nehme es mit zwei Fingern an seinem Henkel und trage es nachlässig zu einem der runden Tische, die mit Gabeln, Messern, Brötchen, Essig und Öl versehen sind. Ich stelle das nässende Glas ordnungsgemäß auf den Filzuntersatz und überlege, ob ich mir etwas zu essen holen soll, oder nicht. Der Essgedanke treibt mich zu dem blauweiß gestreiften Schnittwaren-Fräulein. Von dieser Dame lasse ich mir eine Auswahl Belegtes auf einem Teller verabreichen, derart bereichert trabe ich ordentlich träge an meinen Platz zurück.“

Die Bierquellen, die die Hauptstütze des Unternehmens blieben, waren hübsch eingerichtete Orte für kleine Fluchten aus dem Alltag, ein scheinbar klassenloses Wurst- und Bierparadies, in das vom Direktor bis zum Arbeiter jeder einkehren konnte, Letzterer freilich nicht in Arbeitskluft, das war verboten. Hier konnte man verweilen oder sich auf die Schnelle preiswert stärken, und geschmeckt hat es auch noch. Dazu kam eine standardisierte Ausstattung, die Aschinger bald zu einer stadtbildprägenden Kette machte. Heute spräche man von Corporate Identity.

Der Autor charakterisiert gut das Erfolgsrezept der Firma, beschreibt ausführlich Aufstieg und Fall, verliert sich nur leider in manchen Wiederholungen und lässt auch Details nicht aus, die den Auftraggeber einer Firmenfestschrift interessierten, den Leser mit einem durchschnittlichen Faible für Berliner Geschichte aber weniger. Auch bleibt nicht einzusehen, warum Glaser der NS-Verstrickung der Firma Aschinger nur sehr knappen Raum zugemessen hat. Das Kapitel „,Konsolidierung durch Arisierung’ – Die Übernahme der M. Kempinski & Co.“ wäre mehr als nur drei Seiten wert gewesen.


Dieses Buch bestellen Karl-Heinz Glaser: Aschingers „Bierquellen“ erobern Berlin. Aus dem Weinort Oberdingen in die aufstrebende Hauptstadt. Verlag Regionalkultur/ifu-Institut für Unternehmensgeschichte, Ubstadt-Weiher. 160 Seiten, 114 Abbildungen, 13,90 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben