• Ein Herz für den Souverän Bundestags-Vizepräsidentin ärgert sich über die Reichstags-Schlange

Berlin : Ein Herz für den Souverän Bundestags-Vizepräsidentin ärgert sich über die Reichstags-Schlange

Volker Eckert

Susanne Kastner, Vize-Präsidentin des Bundestages, hat erst einmal ihren Praktikanten vorgeschickt. Stefan Handke – Brille, Seitenscheitel, kariertes Hemd – sollte die Stimmung in der Schlange vor dem Reichstag erkunden. Ergebnis: 40 Minuten Wartezeit, vereinzelt Proteste gegen den Wind. Im Sommer allerdings, so Kastner, sieht es noch viel schlimmer aus: zwei Stunden, und das bei der Hitze! Das findet die Fränkin der Hauptstadt nicht würdig und fordert deshalb: ein Besucherzentrum muss her, und zwar mit einem Besucherlenkungssystem.

„Wozu sollen die Leute sich die Beine in den Bauch stehen? In der Zeit können sie sich doch über die Geschichte des Reichstags informieren oder einen Cappuccino trinken“, sagt Susanne Kastner und rollt bei „Reichstag“ das R. Die 57-jährige Tourismus-Expertin weiß allerdings noch nicht genau, wie das konkret funktionieren soll. Vielleicht zieht man eine Karte und erfährt dabei, wann man ungefähr wieder am Eingang sein muss. Beim Louvre in Paris und dem Londoner Tower gebe es aber schon Systeme, im Schloss Neuschwanstein auch.

Bevor der Bundestag sich über Details Gedanken macht, müsste er sich für die Idee erwärmen. Da sind die Mehrheiten aber offenbar zurzeit gegen Susanne Kastner. Manche Leute seien der Meinung, die Schlange gehöre zum Reichstag dazu wie die Kuppel. Susanne Kastner sieht das anders. Ein bisschen Medienaufmerksamkeit käme ihrer Sache gelegen. Also stellt sie sich kurz vor Ostern, wenn die erste Besucherwelle über die Stadt rollt, selbst in die Schlange.

Ein Ort für das Besucherzentrum, der Senat nennt es „Service-Bungalow“, ist schon gefunden: gleich gegenüber vom Reichstag am Rand des Tiergartens – da, wo im Moment die Dixie-Klos stehen. Ein Privatinvestor soll hier bauen und die Räume dann vermieten: an eine Cafeteria (mit WC), den Betreiber des Bundestags-Shops und an das Parlament selbst, das hier informieren will über das Bauwerk und politische Funktion. Zuständig für die Ausschreibung ist der Senat, da ihm das Gelände gehört. „Wir bereiten das gerade vor“, heißt es dort.

Bei der Berlin Tourismus Marketing (BTM) sieht man die Situation nicht so dramatisch. „Die Klagen haben abgenommen“, sagt eine Sprecherin. Jede Verbesserung sei aber zu begrüßen: „Berlin-Besucher sind im Schnitt 2,3 Tage in der Stadt. Da sind zwei Stunden in der Schlange viel Zeit.“

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