Berlin : Ein Herz für Tiere zeigen

Stephan Wiehler

Wie ein Vater die Stadt erleben kann

Jedes Jahr im Urlaub verliert unsere Tochter ihr Herz an die Tiere. Beim letzten Mal haben wir ein sardisches Straßenkätzchen aufgelesen, und nur dem strengen Beförderungsverbot der Billigfluglinie war es zu verdanken, dass der Kater heute nicht in der Gefangenschaft unserer Kreuzberger Wohnung lebt.

In diesem Sommer hat es eine kleine Schildkröte erwischt, deren Vorfahren vermutlich seit 250 Millionen Jahren ein friedliches Dasein im Garten unseres Ferienhäuschens gefristet hatten, bevor ihre Artgenossin der liebevollen Fürsorge unserer dreijährigen Tochter in die Hände fiel. Zwei Wochen lang trug Emma das gepanzerte Tier persönlich zu jeder Mahlzeit, während die Schildkröte hilflos in der Luft ruderte und dabei einen Reptilienblick in die Tiefe warf, der jedem Tierschützer die Tränen in die Augen getrieben hätte.

„Emma hätte so gerne ein Tier“, sagte meine Frau, „warum schenken wir ihr nicht ein Kätzchen, wenn wir wieder zu Hause sind?“ – „Weil ich es unmenschlich finde, ein Tier in einer Stadtwohnung zu halten“, entgegnete ich. Weil Emma noch zu klein ist für ein Tier; weil das arme Kätzchen keine ruhige Minute mehr hätte; weil alle Zimmerkatzen, die ich kenne, psychotisch sind. Die Argumente gingen mir nicht aus, aber irgendwie ist ein Vater ja auch nur ein Mensch.

Meine Frau und ich sind allein nach Berlin zurückgeflogen. Emma ist noch ein paar Tage länger bei Oma auf Sardinien geblieben. Ihr Heimweh hält sich in Grenzen, denn sie besucht Onkel Gunnario, der auf dem Land lebt und Ziegen, Katzen und sieben Beagles hat, mit denen er auf Wildschweinjagd geht. Unterdessen sitze ich zu Hause, sehne mich nach meiner Tochter und lese im Internet die herzzerreißenden Schicksalsbiografien von Katzen und Hunden, die im Tierheim auf ein neues Zuhause warten. Ich spüre, wie ich langsam weich werde. Aber wir haben zu Hause wirklich keinen Platz für ein Tier. Wir erwarten nämlich ein zweites Kind.

Tierheim Berlin, Hausvaterweg 39 in Falkenberg, Tel. 76 888-0, geöffnet täglich von 11 bis 16 Uhr. Im Internet: www.tierschutz-berlin.de

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