Berlin : Ein Herz und viele Kronen

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Von Heidemarie Mazuhn

Die Callas im Schlafzimmer, die Queen in der guten Stube und die Toskana auf dem Balkon – auf knapp 60 Quadratmetern hat Dieter Baumgartl in seiner Wohnung am Berlin Museum das um sich versammelt, woran sein Herz hängt. Seit dem zwölften Lebensjahr steht er in unerschütterlicher Treue zu Mariechen, so nennt der Kreuzberger liebevoll seine Herzensdame Maria Callas. Jeden Ton, den die Primadonna je von sich gab, hat er in seinem handtuchschmalen Schlafzimmer gesammelt – 2100 Opernvideos und tausenden Platte, Kassetten und CDs.

Montags, dienstags und donnerstags hat er für sein Mariechen wenig Muße – muss er doch da tagsüber das mühevoll beseitigen, was die 340 Mieter der Häuser Am Berlin Museum ihrem Hauswart wöchentlich hinterlassen. Abends erholt er sich im Sommer da gern noch etwas in der Toskana, so hat Baumgartl seinen Balkon genannt, auf dem der 59-jährige sich mit Säulen, Skulpturen und künstlichen Bäumen seine Sehnsucht nach fernen Gestaden erfüllte. Die mediterrane Pracht hat ihn dabei fast nichts gekostet - wie auch das antike Mobiliar im Wohnraum nicht, zu dem ein goldverschnörkelter Kamin, glitzernde Fabergé-Eier und historische Puppen gehören. Alles ist selbstgemacht. Verwendung findet alles – die silberne Halterung für die Troddeln, die im Wohnzimmer eine Schabracke zieren, waren einmal Joghurtbecher und der scheinbar uralte geraffte Vorhang eine Mülltüte. Das erkennt man ebenso wenig, wie hinter den Bildern aus seiner „Ikonenphase“ die alten Gartenbretter.

Dem Talisman seines göttlichen Mariechens gab Baumgartl einen besonderen Ehrenplatz. Nie trat die Callas ohne das rotsamtene Kästchen auf - Ehemann Meneghini schenkte es der Operndiva 1947 zur Hochzeit. Im vergangenem Jahr kam das gute Stück in Paris für drei Millionen Francs unter den Hammer – dem Kreuzberger Callas-Fan kostete es nur ein paar Bastelstunden.

Die Royals machen es ihm da jetzt schon schwerer. So was wie der „Große Stern von Afrika“ - unter Diamantenkennern auch als Cullinan berühmt – kann man nicht aus Sperrmüll oder sonstwas machen. Im Original schmückt der Stein die „Imperial State Krone“, mit der sich Queen Elizabeth II. am 2. Juni 1953 nach ihrer Krönung ihrem Volk zeigte. Auch für die goldene Sankt Edwards Krone, unter der die junge Frau am gleichen Tag zu ihrer Krönung vor nun bald 50 Jahren geschritten war, lag in Kreuzberg kaum etwas Brauchbares herum. Wie überhaupt für die ganze Kronenpracht in Baumgartls Wohnung nicht. Siebzehn Kronen und Diademe, auch der „Orb“ – der Reichsapfel – funkeln schon in seiner Vitrine. Bis zum Krönungsjubiläum der Queen wird der Platz sicher eng – Baumgartl will den gesamten Kronschatz besitzen – von ihm nachgebastelt.

Dabei war er noch nie in London. Statt aus dem Tower bezieht er seine Kenntnisse über die Preziosen der Royals aus Büchern. Dass die Krone, die den Sarg der Königin Mutter schmückte, den berühmten Koh-i-Noor trägt, und auf dem „Berg des Lichts“, wie der Diamant auch heißt, ein Fluch liegt, weiß er schon aus seinen Studien. Nur Frauen dürfen diese Krone tragen, Männern bringt sie Unglück, erzählt er und stellt das schwere Glitzerding behutsam zurück auf den Kamin. Dort fällt unter all der gewichtigen Pracht ein winziges Krönchen auf – die „Hauskrone“ von Queen Victoria. Die soll nicht nicht mal dorthin ungekrönt gegangen sein, wohin der Kaiser zu Fuss hingeht.

Und wie ist ist der gebürtige Berliner zu seinem royalistischen Hobby gekommen? „Ich muss immer irgendwas basteln“, sagt er. Dekorateur wäre er gern geworden, noch lieber aber vielleicht Damenfriseur – „da hätte der Udo Walz schlechte Karten“ ist er sicher. Fürs Verkehrsmuseum hat er schon aufwendige Perücken geknüpft – „einmal eine Rokokoperücke mit eingebautem Flaggschiff“. Viel hätte Dieter Baumgartl werden können, gelernt hat er gar nichts – mit 14 Jahren musste der Junge aus ärmlichen Verhältnissen schon „ackern“ gehen – seit 1997 ist er Hauswart.

Sein Faible für Kronen ist nicht gerade billlig: Den Koh-i-Noor und den Stern von Afrika ließ er in Brasilien aus Bergkristall schleifen Und bei Swarowski ihat er pfundweise Glitzerknöpfe gekauft. „Ich habe zwanzig Jahre keinen Urlaub gemacht, saufe nicht und gehe nicht weg“, sagt der Single.

Dieter Baumgartl weiß noch nicht so recht, was eines Tages aus seinen Kronschatz werden soll. Sein Traum ist eine Ausstellung im Eckfenster des KaDeWe. „Die Kronen dort auf schwarzem Samt drapiert und von hinten angestrahlt - das wäre einmalig!“

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