Berlin : Ein Hoch auf Charlottenburg

Dreh- und Angelpunkt des westlichen Berlins, fast eine Großstadt, Spiegelbild deutschen Lebens. Ganz arm, ganz reich – und wieder wichtig: Der Bezirk feiert seinen 300. Geburtstag

Bernd Matthies

Charlottenburg-Wilmersdorf? Nein, wir unterscheiden da immer noch sehr sorgfältig. Denn Charlottenburg, obwohl verwaltungstechnisch eingemeindet, hat eben jenen Hauch von Großstadt, der dem bürgerlichen Wilmersdorf fehlt – weniger Witwen, eher begüterte Waisen. Der Bezirk ist Dreh- und Angelpunkt des westlichen Berlins, nicht nur, weil der Kurfürstendamm zum überwiegenden Teil auf Charlottenburger Boden liegt oder die Gedächtniskirche ganz und gar. Sondern, weil der 300-jährige Ort und Stadtteil zumindest seit der Nachkriegszeit immer ein Spiegelbild des deutschen Lebens war, ganz arm und ganz reich, schön grün und melancholisch grau.

Im Bristol Kempinski, dem ersten Berliner Weltruf-Hotel der Epoche, hat Hildegard Knef die Wirtschaftswunderzeit repräsentiert; ein paar Schritte weiter saß der literarisch ambitionierte Flügel der 68er im „Zwiebelfisch“ und brütete Umsturzpläne aus, die von Bier zu Bier an Rasanz ab- und an Formulierungskunst zunahmen. Im „Go In“ und im „Steve Club“ wurde das Berufsbild des Liedermachers erfunden und zur Exportreife entwickelt. Der legendäre Bandenkrieg in der „Bleistreustraße“, wo die Speer-Bande und ein paar persische Eindringlinge die Herrschaft über die Unterwelt unter sich ausmachten, ist unverkennbar Charlottenburg – andere Bezirke hatten überhaupt nicht das Format, das einen Shoot out dieser Größenordnung hätte lohnend erscheinen lassen.

Die kulturell Wichtigen und Bedeutenden haben sich, zugegeben, längst nach Osten verzogen, kehren allenfalls im Schutz der Dunkelheit in die Paris-Bar zurück. Aber Charlottenburg ist immer noch ein präziser Indikator gesellschaftlicher Strömungen.

Nehmen wir nur die Kantstraße, die geheime Hauptschlagader des Bezirks, die sich wie ein Chamäleon den Zeitläuften anpasst. Viele Eingeborene sahen sie dem Untergang geweiht, als sich zu Beginn der 90er Jahre eine Vielzahl von seltsamen Im- und Exportgeschäften ausbreitete, deren osteuropäische Betreiber mit deutschen Kunden überhaupt nichts im Sinn zu haben schienen. Doch der Wind drehte sich rasch, und heute reflektiert die Straße vor allem das riesige Interesse der Berliner an asiatischer Küche. In zehn Jahren mag sie von aserbaidschanischen Schuhgeschäften dominiert sein oder von japanischen Teehäusern – das ist völlig unvorhersehbar und spricht für den Rang der Kantstraße.

Andere, weniger kultträchtige Straßen des Bezirks nämlich sind viel leichter auszurechnen. Zum Beispiel die Wilmersdorfer, die in ihrem Namen die Bezirksfusion schon lange vorweggenommen hat. Sie driftete in den 90er Jahren unter der Last großer, unzeitgemäßer Kaufhäuser weg und wurde als Kurfürstendamm für Arme abschätzig zum Einkaufszentrum dritter Wahl erklärt. Die Kaufhäuser gibt es immer noch, doch sie sind frisch renoviert und locken mit neuen Konzepten. Und seit die seltsame Überdachung der Fußgängerzone, ein Nebenprodukt der brachialen ICC-Ästhetik, auf dem Müll gelandet ist, fällt auch wieder Tageslicht in ausreichenden Mengen zwischen die Geschäfte. Dennoch wird hier weniger gemütlich flaniert als zielstrebig gekauft, aber in einem Umfang, den sich andere Bezirke für ihre Zentren wünschen.

Die Wilmersdorfer Straße markiert auch unmerklich den Übergang vom groß- zum kleinbürgerlichen Charlottenburg – daran hat sich nichts geändert. Und es gilt weiterhin die Regel, dass es uns Eingeborenen nicht leicht fällt, ein Bekenntnis zum Wohnen in Charlottenburg abzugeben. Von Schöneberg nach Charlottenburg ziehen, das war einst die Begleiterscheinung der Beförderung vom Studienrat zum Oberstudienrat, jener Schritt, der das unbürgerliche Leben definitiv und irreversibel beendete und deshalb sicherheitshalber heimlich vollzogen wurde. Heute haben sich die Gewichte etwas verschoben; der Schritt von Friedrichshain oder Prenzlauer Berg nach Charlottenburg hat in den Augen vieler Szenefixierter etwas Rückwärtsgewandtes, legt den Verdacht nahe, der Betreffende wolle für sich die Folgen der deutschen Einigung rückgängig machen. Wehe, wenn er gar an den Lietzensee zieht oder in eine Villa hinter der Heerstraße, feinbürgerliche Quartiere, in denen sich der Bezirk selbst zu dementieren scheint, aber in Wirklichkeit nur das Spektrum einer Großstadt zeigt, wie sie Charlottenburg notfalls ganz ohne Berlin darzustellen vermochte. Eine Wunde schwärt allerdings zunehmend: der absehbare Verlust des Hauptbahnhofs, den der Bahnhof Zoo so zuverlässig simulierte. Geht der Fernverkehr, fehlt Charlottenburg eine Dimension des kosmopolitischen Selbstverständnisses. Aber der Bezirk hat schon andere Herausforderungen überstanden. Bis hin zum Zusammenschluss mit Wilmersdorf.

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