Ein Holländer blickt auf Berlin : Schmutz, miese Laune und schlecht gekleidete Frauen

Herabgezogene Mundwinkel selbst beim Tanzen, Straßen voller Scherben und Schlaglöcher, nachlässig gekleidete Frauen - und Männer: Nach zwei Monaten in Berlin hat der Niederländer Marc Leijendekker einige Fragen.

Marc Leijendekker
Aufräumen nach dem 1. Mai in Kreuzberg: Warum bleibt der Müll so lange liegen, fragt sich unser Autor.
Aufräumen nach dem 1. Mai in Kreuzberg: Warum bleibt der Müll so lange liegen, fragt sich unser Autor.Foto: dpa

In meinen zwei Monaten in Berlin habe ich die Stadt genossen. Ihre fühlbare Geschichte. Ihre vitalen Partys. Mauerradweg und Gemäldegalerie, Komische Oper und RAW Tempel. Ich werde nicht die berechtigten Lobreden von Anderen zu einer so vielschichtigen Stadt wiederholen. Ich möchte jedoch kurz aufzeichnen, welche Fragen Berlin bei mir ausgelöst hat.

1. Ein Riss im Bild

Es hat nicht so lange gedauert, bis mein Bild von Deutschland als einem perfekt organisierten, zivilen und reichen Land zerstört worden ist. Sicher, die S-Bahn fährt pünktlich. Es ist ein Genuss, mit den korrekten Deutschen in der Schlange zu stehen. Bei Lunchkonzerten der Philharmonie zählt man die Besucher genau bis auf den letzten 1499.sten, mit runden Scheibchen, die mich an ein altes Flohspiel erinnern. Das stimmt alles mit dem Bild überein. Aber dann kamen die Risse.

Warum sehen viele Bahnhöfe der S-Bahn so verfallen aus? – ich benutzte am meisten die Station Yorckstraße. Warum sind Tage nach der Walpurgisnacht und dem 1. Mai die Straßen immer noch mit Scherben von kaputt geschmissenen Bierflaschen übersät? Warum schließen viele Museen schon um 18 Uhr? Warum gibt es so viele Schlaglöcher in der Straßendecke? Und warum, eine ganz andere Frage, wird erst jetzt ein Mindestlohn eingeführt in einem so reichen Land? Viele Niederländer denken, Deutschland sei fix und fertig, ein tadelloses, geharktes Land, in dem die Groko nur auf das Haus aufpassen muss. Teil des Charmes von Berlin ist genau, dass es nicht tadellos ist. Aber man soll das nicht übertreiben.

Müll, Dreck und Vandalismus in Berlin
An die Ampel gestopft. Muss das sein? Nur ein alltägliches Beispiel aus Friedrichshain, wie achtlos Coffee-to-Go-Trinker mit ihren Bechern umgehen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 151Foto: Henning Onken
27.07.2017 09:09An die Ampel gestopft. Muss das sein? Nur ein alltägliches Beispiel aus Friedrichshain, wie achtlos Coffee-to-Go-Trinker mit ihren...

2. Der Flughafen – oder Currywurst

Okay, das würde wirklich peinlich und auch ein bisschen langweilig werden. Stattdessen kürzlich die S-Bahn. Konnte man sich keine anderen Farben ausdenken als diese hässliche Kombination Senf und Ketchup? Oder ist das eine Geheimhommage an die Currywurst?

3. Stahl und Steine

Ich assoziiere Berlin mit Stahl und Steinen. Riesige eiserne Pfeiler der S- und U-Bahn. Massive Bogenbrücken über die Spree und den Landwehrkanal. Rostige Eisenbahnschienen und Schiefersteinboden im Park am Gleisdreieck. Massive alte Fabriken. Viele strenge neoklassizistische Gebäude. Könnte es sein, dass dies alles ein bisschen schwer ist für die Berliner? Dass dies erklärt, warum sie so wenig lächeln, immer ein bisschen bedrückt erscheinen? Selbst in Clärchens Ballhaus habe ich Männer und Frauen tanzen gesehen, bei denen die Mundwinkel trübselig hinunter wiesen.

4. Autos

Berlin: Eine Stadt voller Ruinen
Das Gelände des ehemaligen Gefängnisses Rummelsburg wurde größtenteils in Wohnraum umgewandelt. Dieses Haus am Rand der Anlage an der Hauptstraße ist noch im Stadium des Verfalls. Liebe Leserinnen. liebe Leser: Senden Sie Ihre Fotos von verlorenen Orten in Berlin und dem Umland an leserbilder@tagesspiegel.de!Weitere Bilder anzeigen
1 von 775Foto: Henning Onken
04.07.2017 12:17Das Gelände des ehemaligen Gefängnisses Rummelsburg wurde größtenteils in Wohnraum umgewandelt. Dieses Haus am Rand der Anlage an...

Ich kenne in Europa keine andere Großstadt, die den Autos so viel Raum lässt. Es ist ganz einfach, schnell mit dem Auto nach Mitte zu fahren. Ich habe auch fast immer einen Parkplatz gefunden. Soll das immer so bleiben? Wäre es nicht schön, eine Friedrichstraße nur mit Fußgängern und ohne glänzende Sedans zu haben?

5. Frauen (und Männer)

Ich weiß es: Krise, Kälte, Kalvinismus und eine Dosis feministischer Rebellion. Aber müssen denn wirklich so viele Frauen in Berlin morgens die Haustür hinter sich zuziehen, ohne auf ihre Kleidung zu achten? Berlin hat niemals vorgegeben, eine Modestadt zu sein. Aber manchmal erscheint es mir eine Stadt der Un-Mode. Als ob alle Frauen einverstanden sind: das interessiert uns nicht, oder das soll uns nicht interessieren - wie Sie wollen. Ich glaube, ein bisschen mehr Aufmerksamkeit der Damen auf das Äußere würde dem Straßenbild gut tun. Selbstverständlich gilt das auch für Männer. Wie meine Großmutter sagte (ja, ich habe auch mit Hatice Akyün gesprochen): als je er een beetje leuk uitziet, is dat voor iedereen leuker. Wenn man ein bisschen hübsch aussieht, macht das jedem mehr Spaß.

Der Autor ist Europa-Redakteur der niederländischen Tageszeitung „NRC Handelsblad“

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