Berlin : Ein Inselparadies in Berlin: "Glück, wie wandelbar bist du"

Andreas Conrad

Ein Grundstück in der Turmstraße wurde einem Mitte der dreißiger Jahre noch fast nachgeschmissen: 1200 Reichsmark. Wollte man Unter den Linden sesshaft werden, waren schon 6400 Reichsmark fällig. Aber sauteuer wurde es erst auf Schwanenwerder: 8000 Reichsmark. Das war auf dem Monopoly-Markt Spitze.

Möglich, dass hier der eigentliche Grund für das Verbot des 1936 auch in deutscher (und das bedeutete: in Berliner) Version erschienenen Brettspiels lag. Die Autoren des opulenten Schwanenwerder-Bandes, der jetzt bei Nicolai erschienen ist, vermuten dies, und es leuchtet ja auch ein. Gerade die Nazi-Prominenz, allen voran Propagandaminister Joseph Goebbels, hatte an dem Inselchen Geschmack gefunden. Die jüdischen Vorbesitzer waren vertrieben, und die neuen Herren hatten kaum Interesse, ihre Havel-Heimstatt als Bonzeneiland spielerisch verschachert zu sehen. Kein Monopoly also in Hitler-Deutschland.

Die Inselgeschichte bietet noch manche andere Kuriosität. Wer weiß schon, dass gleich am Anfang der Inselstraße ein Säulenrest der Pariser Tuilerien steht. Der Berliner Lampenfabrikant Friedrich Wilhelm Wessel hatte die damals noch Cladower Sandwerder genannte Insel 1882 für 27 000 Reichsmark vom Rittergutsbesitzer Hugo von Platen zu Sophienwalde erworben, um sich dort sein preußisches Arkadien zu gestalten und durch Verkauf von Landhaus-Parzellen zugleich kräftig zu verdienen. Das gelang zwar erst den Erben, aber die Säule mit korinthischem Kapitell, Gesimsstück und einem Bogenteil samt Widderkopf, die Wessel 1884 als Teil einer Parklandschaft errichten ließ, zeugt noch immer von dem ästhetisch beseelten Industriellen.

Den Säulenrest hatte er ganz regulär erworben: 1883 war der beim Kommune-Aufstand 1871 schwer beschädigte Palast teilweise abgebrochen und verscherbelt worden. Die Verslein auf der dem Wasser zugewandten Seite der Säule hatte die offensichtlich lyrisch begabte Gemahlin des Verlegers Paul Parey beigesteuert, man kannte sich aus dem Verein "Seglerhaus am Wannsee": "Dieser Stein vom Seinestrande / hergepflanzt in deutsche Lande, Ruft Dir, Wandrer mahnend zu: / Glück, wie wandelbar bist du!"

Ohnehin liest sich das Verzeichnis der früheren Inselbewohner wie ein "Who is who?" ihrer jeweiligen Zeit. Der Kaufhausunternehmer Rudolph Karstadt wie auch Hitlers Baumeister Albert Speer, sein Leibarzt Theodor Morell und der Schauspieler Gustav Fröhlich gehörten dazu, später die Generäle Dwight D. Eisenhower und Lucius D. Clay. Im Jahr des Mauerbaus siedelte sich Axel Springer auf der Insel an, erst 1999 wurde das Grundstück von seiner Witwe Friede verkauft. Dieter Hallervorden wohnt noch immer dort.

Drei Autoren haben sich seit 1997 um die jahrzehntelang im Dornröschenschlaf dahindämmernde Insel bemüht und nun ein bau-, sozial-, kultur- und politikgeschichtliches Werk vorgelegt, das in seinem Detailreichtum wie auch seiner Aufmachung weit über das hinausgeht, was man von vergleichbaren Veröffentlichungen gewohnt ist: ein Forschungsbericht, kein Stadtteilführer. Gerade in den angehängten "Lexikalischen Angaben" zur Geschichte der einzelnen Anwesen findet sich manches Detail, das mehr vom Sammeleifer des Wissenschaftlers als von seinem Blick auf den Durchschnittsleser zeugt. Zumal das Zustandekommen des Buches, wie es in der Einleitung heißt, "dem Engagement von Herrn Dr. Jürgen Leibfried" zu verdanken ist, Chef der Bauwert GmbH, der 1996 ein Inselgrundstück erwarb, um sich dort ein Domizil zu errichten, das mit "Landhaus" nur sehr unzulänglich beschrieben ist.

Auch das Interesse des neuen Insulaners galt es also zufrieden zu stellen, der sich nicht beklagen kann: Es wurde ein ebenso repräsentatives wie unterhaltsames Werk, reich illustriert, vielleicht nicht eines, das man in einem Rutsch von vorne bis hinten durchliest, mehr eines zum Blättern - und dann hakt man doch an diesem Detail, an jener Episode fest.

Zum Beispiel über heute längst vergessene Glücksritter, die den gediegenen Geschäftsleuten nach Schwanenwerder folgten, sich wohl auch in der Wahl dieses Wohnsitzes besondere Reputation zu verschaffen suchten. Männer wie Julius Barnat beispielsweise, im Berlin der frühen zwanziger Jahre ein Schieber der Extraklasse, mit gut geschmierten Verbindungen zur politischen Spitze. Zeitweise hieß die Insel im Volksmund Barmatwerder, der Zusammenbruch des Schwindelimperiums in der Neujahrsnacht 1925 war denn auch standesgemäß: Polizeieinsatz mit 300 Mann in den Wohnungen der Familie am Kurfürstendamm, Unter den Linden und auf Schwanenwerder. Sogar auf der Havel wurde patroulliert, es hätte ja jemand mit den Barnatschen Rennbooten fliehen können.

Spannend auch die Erinnerungen des ehemaligen Polizeipräsidenten von Berlin, Georg Schertz, dessen Vater gleich am Inseleingang ein Schwemmlandgrundstück erwarb und bebaute. Mit einem Sohn des Propagandaministers besuchte der junge Schertz zeitweise eine Klasse, wurde auch auf den täglichen Fahrten zur Schule in der Pferdekutsche der Goebbels mitgenommen, kam zu seinem Schulkameraden gelegentlich zum Spielen. Der Vater, von Beruf Polizeioffizier, hatte zwar eine tiefe Abneigung gegen die Nazis, wusste dies gegenüber seinem Kind aber zu verschweigen. Erst nach Kriegsende konnte darüber offen gesprochen werden, erinnert sich Schertz. "Für mich, den 1945 Zehnjährigen, war anfänglich schwer zu begreifen, dass der Vater meines Spielkameraden Hellmut Goebbels zu einer Verbrecherclique gehört hatte."

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