Berlin : Ein irrwitziger Plan, streng geheim

Berlins heutiger Finanzsenator Sarrazin schrieb im Januar 1990 den Entwurf für die Währungsunion

Katja Füchsel

Es war im Januar 1990. Da setzte sich Thilo Sarrazin, Berlins heutiger SPD-Finanzsenator, am Wochenende an seinen Schreibtisch, um auf 15 Seiten niederzuschreiben, was ihm in Sachen Währungsunion vorschwebte. Ein aus damaliger Sicht irrwitziger Plan und noch streng geheim: mit Stichtag, Umtauschkurs, Arbeitslosenversicherung. „Mit diesem Papier wurde Bundeskanzler Kohl politisch überzeugt“, sagt Sarrazin, damals „Leiter der Arbeitsgruppe Innerdeutsche Beziehungen“. Wer noch Bescheid wusste? Theo Waigel, damaliger CSU-Finanzminister und sein Staatssekretär Horst Köhler, der heutige Bundespräsident.

Der Rest der Republik erfuhr von der geplanten Währungsunion erst Mitte Februar. Damals sah es so aus, als würde es sich mit der deutschen Einheit noch Jahre hinziehen, sagt Sarrazin. Aber sonst: „Ist von dem Vermerk so ziemlich alles umgesetzt worden.“ Die damaligen Unkenrufe von Parteifreund Lafontaine haben sich für ihn historisch erledigt.

Sarrazins Karriere hatte 1975 im Bundesministerium für Finanzen begonnen, wo der heute 60-Jährige 1981 zum Büroleiter des SPD-Ministers Hans Matthöfer befördert wurde. Nach dem Fall der Mauer und unter Finanzminister Waigel dauerte es nicht lange und der Finanzexperte Sarrazin war überzeugt: „Es existiert ein instabiler Zustand, der immer instabiler werden wird.“ Also begann er Pläne zur Währungsunion aufzustellen: mit 17 Stufen erst – dann mit 10 Stufen – „aber es überholte sich schnell alles gegenseitig“.

Die Währungsunion vom 1. Juli 1990 gilt heute als eigentliches Schlüsselereignis der deutschen Wiedervereinigung. In ihren wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen war sie weitaus bedeutsamer als die staatliche Vereinigung vom 3. Oktober 1990. Sarrazin, seit 2002 Berliner Finanzsenator, sagt nüchtern: „Das war mir damals vollständig klar.“ Allerdings habe er erst später erfahren, dass Kohl am 15. Januar bei seinem Besuch in Moskau von Gorbatschow grünes Licht für die deutsche Einheit erhalten hatte.

Die Ereignisse überschlugen sich: Sarrazin wurde die Federführung bei der deutsch-deutschen Währungsunion übertragen. Er gehörte fortan zur Expertenkommission, die Vorschläge für einen Staatsvertrag sammeln sollte. Die Verhandlungspartner auf DDR-Seite zeigten sich laut Sarrazin durchaus kooperativ: Man machte einen Kassensturz, legte alle Bücher und somit das Ausmaß der wirtschaftlichen Misere offen. „Das war schon irgendwo bewegend“, sagt Sarrazin. „Damit war klar, dass das Angebot nur nach unseren Bedingungen erfüllt werden kann.“ Den Entwurf für den Staatsvertrag schrieben rund 300 Bonner Beamte an einem langen Wochenende, es gab Suppenküchen auf den Behördengängen und Überstunden ohne Ende. Am 23. Mai wurde der Staatsvertrag unterschrieben, an Adenauers altem Schreibtisch, schwärmt Sarrazin, „ein wunderbarer Tag“.

Als es für die Bundesbank mit den Vorbereitungen erst richtig losging, hatte Sarrazins Gruppe ihre Hauptarbeit erledigt. Der Rest war gewissermaßen Beiwerk: Wie kann bei der Umstellung Missbrauch verhindert werden? Was geschieht mit dem DDR-Vermögen? Bei einer anderen Frage schaffte es Sarrazin, Staatssekretär Köhler schwer zu verärgern. Denn in einem Vermerk schrieb Sarrazin, dass angesichts des Sanierungsbedarfs der „Gesamtwert der DDR-Wirtschaft negativ“ sei. Eine Wahrheit, die damals in der Einheitseuphorie niemand hören wollte. „Köhler war bitterböse, dass ich so etwas ausgerechnet und dann auch noch schriftlich niedergelegt habe.“

1. Juli 1990. Es war eine Sekunde nach Mitternacht, als bei der Deutschen Bank am Alexanderplatz die ersten D-Mark-Scheine über den Tresen gingen. Der Ärger mit Köhler hat ihn übrigens nicht abschrecken können. Es folgten noch viele Sarrazin’sche Prognosen, eine düsterer als die andere. Da war er schon Leiter der Unterabteilung Treuhandanstalt, Fachaufsicht. Aber auch heute ist Sarrazin noch davon überzeugt, dass sein damaliger Vorschlag der einzig vernünftige war.

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