Berlin : Ein Jahr danach bleibt der Mord ein Rätsel

Die Ukrainerin Yana Zhukova wurde im Januar 2003 erschossen. Selbst die ausgesetzte Belohnung brachte niemanden zum Reden

Jörn Hasselmann

Am Steuer saß eine Tote. Doch das sahen die Passanten erst, als mittags der Schnee von der Scheibe geschmolzen war. Ein Jahr ist es jetzt her, dass die Ukrainerin Yana Zhukova in Schöneberg erschossen wurde. Ein Zufallsopfer war die 33-Jährige nicht – das war sofort klar. Denn sechs Wochen zuvor war die Prostituierte knapp einem Sprengstoffanschlag entgangen. Eine Warnung? Am 12. Januar 2003 schoss ihr ein Killer mehrfach in den Kopf – offensichtlich ein Profi. Niemand hat etwas gehört, niemand hat etwas gesehen, niemand wollte irgendwas über Yana Zhukova wissen. Auch die 5000 Euro Belohnung brachten niemanden zum Reden – jedenfalls keinen russischsprachigen Zeugen. Ein Passant berichtete lediglich, dass der silberne Toyota-Geländewagen der 33-Jährigen gegen 21.20 Uhr an diesem Tag derart rabiat rückwärts in der Winterfeldtstraße ausparkte, dass ein anderes Auto kräftig bremsen musste.

100 Meter weiter war Yana Zhukovas Leben zu Ende; vermutlich war der Killer in der Winterfeldstraße zu ihr in den Mietwagen gesprungen, glauben die Ermittler. Der Unbekannte bedrohte sie mit seiner Pistole, ließ sie einmal nach links in die Frobenstraße abbiegen und vor der Hausnummer 14 stoppen. Er schloss das Auto ab und verschwand. Nach Russland?

14 Stunden später wird die Leiche gefunden. Als die Mordkommission erkennt, wer dort blutüberströmt im Wagen sitzt, gibt sie den Fall sofort an die Kollegen von der Abteilung für organisierte Kriminalität (OK) ab. Denn die kennen Yana Zhukova bestens. Die Frau aus der Stadt Cherszon hatte engen Kontakt zur russischen Mafia – und sich dort Feinde gemacht. Am 21. November 2002 war sie in der Charlottenburger Wielandstraße nur knapp dem Tode entronnen. Die 33-Jährige hatte die Sprengfalle entdeckt, weil die Fahrertür nur angelehnt gewesen war. Ihr Misstrauen – das nach Angaben eines Ermittlers durch ihr kriminelles Umfeld weit stärker als bei normalen Menschen ausgeprägt war – rettete ihr noch einmal das Leben, für sechs Wochen. Beim Öffnen der Tür hätte ein Faden den Sicherungsstift einer Splitterhandgranate herausgerissen. Yana Zhukova hatte an diesem Abend im „Borriquito“ in der Wielandstraße mit Angehörigen der russischen Autoschieberszene zu Abend gegessen. Dies verschwieg sie den Ermittlern allerdings; und zu mehreren Vernehmungen bei der Kripo erschien sie dann auch nicht. Das machte sie verdächtig.

Nachdem die Kripo ihre Tischgäste ermittelt hatte, wunderte sie sich nicht mehr, dass Zhukova alle Angebote für Polizeischutz abgelehnt hatte – zuletzt am Freitag vor ihrer Ermordung. Zur Vernehmung war die Frau mit ihrem Anwalt gekommen. Sie hatte Angst, dass sie festgenommen wird, denn es lag eine Ausweisungsverfügung vor. Am Mittwoch nach ihrem Tod hätte sie Deutschland verlassen müssen – wusste ihr Mörder das?

Yana Zhukova war 1996 nach Berlin gekommen, nach einem Eheversprechen durch einen Berliner. 1998 fiel sie erstmals der Polizei auf, wegen Ladendiebstahls; weitere Delikte folgten, aber nichts Spektakuläres. Einmal erwischte die Polizei Yana Zhukova bei einer Kontrolle in einem Edelbordell. Anfangs hatte sie in der Greifswalder Straße 158 gewohnt. In dieser Wohnung – eine bekannte Anlaufstelle für illegale Ukrainer – war im August 2001 auch Yanas 45-jährige Bekannte Nina Gowarucha erstochen worden. Ein Jahr zuvor starb eine weitere Freundin der Ukrainerin: Stella K., ebenfalls aus Cherszon, wurde im Nagelstudio „Planet Nails“ in der Passauer Straße, nahe dem KaDeWe, erschossen. Vier weitere Frauen wurden durch eine Handgranate verletzt. Yana Zhukova sagte im Prozess als Zeugin gegen den Ehemann von Stella K. aus. Dieser war verdächtigt worden, einen Killer angeheuert zu haben. Doch er wurde frei gesprochen – aus Mangel an Beweisen. Der Mörder wurde nie ermittelt.

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