Ein Jahr danach : Das Vermächtnis der Kirsten Heisig

Am 3. Juli 2010 wurde es traurige Gewissheit, dass Deutschlands bekannteste Jugendrichterin nicht mehr lebte. Doch sie hat Spuren hinterlassen – nicht nur in Neukölln.

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Kirsten Heisig versteckte sich nicht hinter Akten - sie ging zu den Menschen.
Kirsten Heisig versteckte sich nicht hinter Akten - sie ging zu den Menschen.Foto: ddp

Arnold Mengelkoch bringt es immer noch nicht fertig, ihr Foto aufzustellen. „Es wäre zu endgültig“, sagt er. „Es würde nicht passen, weil sie für mich so gegenwärtig ist. Oft denke ich, dass Kirsten gleich um die Ecke biegen wird.“

Der Neuköllner Migrationsbeauftragte kann auch heute noch nur schwer akzeptieren, dass Deutschlands bekannteste Jugendrichterin vor einem Jahr freiwillig aus dem Leben schied. Wie so viele hat Mengelkoch bei der Nachricht von ihrem Verschwinden zunächst an ein Verbrechen gedacht. Nur zu gut kennt er die Milieus, in denen sich Kirsten Heisig bewegte: vom kriminellen Familienclan bis zu den Kids, die von ihren drogensüchtigen Eltern weder Liebe noch Werte mit auf den Weg bekommen. Heisig kämpfte für eine schnellere Bestrafung jugendlicher Straftäter, um kriminelle Karrieren gar nicht erst entstehen zu lassen. Und für mehr Konsequenz gegen Gewaltverbrecher – gerade, wenn sie noch jung waren. Bloß nicht zur „Richterin Gnadenlos“ kommen, hieß es in der Szene: Die bestrafe schon, wenn andere Richter nur mit erhobenem Zeigefinger drohten. Außerdem kannte Heisig die mafiösen Strukturen in Neukölln und benannte sie auch in der Öffentlichkeit. Ein Mord wäre also nicht völlig abwegig gewesen. Aber Selbstmord?  Bei einer Frau, die als das reine Energiebündel galt?

Eine Szene geht Arnold Mengelkoch seit jenem 3. Juli 2010 nicht mehr aus dem Kopf: Am Freitag vor Heisigs Verschwinden standen die Richterin, der Migrationsbeauftragte und andere Mitstreiter bei einem Empfang im Schloss Schönhausen zusammen. Kirsten Heisig habe mit den anderen gelacht und geulkt, erzählt Mengelkoch. Dann war der Empfang zu Ende, und während sich alle auf den Weg zurück nach Neukölln machten, musste sie nach Tiergarten ins Amtsgericht, wo sie nicht nur Freunde hatte: „Ich schaute ihr nach, als sie sich von uns entfernte. Es war, als sei plötzlich alle Fröhlichkeit von ihr gewichen. Sie ging davon, allein, traurig.“

Mengelkoch sagt, er nähme sich jetzt öfter Zeit, um mit Kollegen auch über anderes als die Arbeit zu reden, um besser zuzuhören, aufmerksamer zu sein. Das empfinde er als persönliches Vermächtnis von Kirsten Heisig. Das große Erbe der kleinen Frau steht für ihn außer Frage: „Sie hat alle wachgerüttelt. Richter, Staatsanwälte, Polizisten. Sie hat gesagt, was viele dachten – dass man allein mit Verständnis und Milde nicht immer weiterkommt.“

Manche nehmen ihr das auch nach ihrem Tod noch übel, sagt Heisigs Freund und Kollege Stephan Kuperion. „Aber das Neuköllner Modell mit den beschleunigten Verfahren ist inzwischen überall in Berlin und anderswo in Deutschland anerkannt und präsent, es wird bleiben.“

Geblieben sei aber auch die Fassungslosigkeit und Trauer über den Tod der engagierten Richterin und Mutter, erzählt Kuperion. Für ihre beiden Töchter, die Eltern, den Ex-Ehemann sei es schwer, diesen „Jahrestag“ zu überstehen. Auch er werde immer wieder gefragt, was es mit der psychischen Erkrankung oder dem Selbstmordversuch 2008 auf sich habe. „Aber Kirsten wollte nicht, dass Persönliches in die Öffentlichkeit kommt“, sagt Stephan Kuperion: „Daran halte ich mich.“

Kuperion meint, dass das Neuköllner Modell und andere Vorschläge Kirsten Heisigs nicht mehr zurückgedreht werden können. Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) ist da nicht so sicher. „Ich sehe keine wirkliche Nachfolge für Kirsten Heisig“, sagt er: „Von ihren Richterkollegen wagt sich offenbar niemand so sehr aus der Deckung wie sie. Ihr innovativer Spirit, die Aufbruchstimmung, die sie verbreitete, die Kraft, die sie anderen spendete – diese Signale Kirsten Heisigs sind weg.“ Die Zahl der beschleunigten Verfahren findet Buschkowsky peinlich wenig: „Da ist mehr drin.“ Dass man 16 000 Polizisten schulen will statt nach Heisigs Vorschlag in jedem Abschnitt einige Beamte auf Jugenddelikte zu spezialisieren, erscheint ihm widersinnig.

In anderen Städten werden Heisigs Ideen praxisorientierter umgesetzt, beklagt er. Auch deshalb hat der Bezirksbürgermeister zum Jahrestag von Heisigs Tod angeregt, ihr in Form einer Platz- oder Straßenbenennung ein Denkmal zu setzen, wenn die Wartezeit vorbei ist. Das haben einige wohl nicht verstanden, sagt er. Jetzt rufen dauernd Journalisten an und fragen, wann und wo der Bau beginnt und wie das Denkmal aussehen wird. „Echt krass“, meint er.

Die Schriftstellerin Monika Maron, die Heisig kannte und schätzte, findet einen anderen Vorschlag besser: „Einmal im Jahr eine Konferenz abhalten, auf der konstatiert wird, was in Sachen Bekämpfung der Jugendkriminalität erreicht wurde – das würde Kirstens Andenken am meisten achten“, sagt sie. Und ihre Feinde am meisten ärgern und die Welt daran erinnern, dass es manchmal eines einzelnen Menschen bedarf, um verkrustete Strukturen aufzubrechen. Maron ist sich sicher: „Kirsten Heisig war so ein Mensch – auch wenn sie sich dabei regelrecht verzehrt hat.“

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