Ein Jahr "Deutschland schafft sich ab" : Integrationsbeauftragte wirft Sarrazin Verunglimpfungen vor
29.08.2011 17:31 UhrEr spaltet immer noch. Ein Jahr ist es her, dass Thilo Sarrazin sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ veröffentlicht hat. Darin prangert der einstige Berliner Finanzsenator und Bundesbankvorstand in scharfem Ton und mit vielen Statistiken unterfüttert Defizite bei Zuwanderern in Deutschland an. Das Buch wurde bislang rund 1,3 Millionen Mal verkauft, Sarrazin ist Dauergast bei Talkshows und Lesungen quer durchs Land.
Fragt man ein Jahr danach, was das Buch in diesem Jahr bewirkt hat, gehen die Meinungen scharf auseinander. „Sarrazin hat auf Probleme hingewiesen, die unstrittig sind – aber er hat auch zur Polarisierung der Integrationspolitik beigetragen“, sagt Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD).
Die Polarisierung umschreibt Hilmi Kaya Turan, Sprecher des Türkischen Bundes Berlin Brandenburg (TBB), so: „Sein Buch hat zu allgemeinen Verunsicherung von Menschen mit Migrationshintergrund beigetragen, die sich zu Sündenböcken gemacht fühlen.“ Das kritisiert auch Sozialsenatorin Carola Bluhm (Linke): „Die Debatte über Sarrazins Buch hat der gelebten Integration geschadet und sehr viele Menschen verletzt, die Stadt aber kein Stück vorangebracht“, sagt sie.
Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Staatsministerin Maria Böhmer (CDU), hält Sarrazin vor, die Debatte zurückgeworfen zu haben: „Wahrnehmung und Wirklichkeit bei der Integration klaffen ein Jahr nach Erscheinen des Sarrazin-Buchs mehr denn je auseinander“, sagte sie dem Tagesspiegel am Montag. „Dies ist die Folge des von Sarrazin gezeichneten Zerrbildes, das bewusst Fortschritte bei der Integration ausblendet.“ Manche integrationswillige Migranten, so Böhmer, fühlten sich durch das Buch „in ihren Gefühlen verletzt und zurückgestoßen“. Für das Zusammenleben sei der intensive Dialog unverzichtbar: „Wir brauchen eine lebhafte und sachliche Diskussion über Integration. Weder Schreckensszenarien noch Schönfärberei bringen uns weiter. Ziel muss es sein, das Vertrauen zwischen Einheimischen und Migranten zu stärken, Fehlentwicklungen zu stoppen und die Integration konkret voranzubringen. Dazu gehört eine Kultur des Streitens, die ohne Pauschalisierungen und Verunglimpfungen auskommt.“
Lesen Sie auf Seite 2, warum CDU-Fraktionschef Henkel Sarrazins umstrittenes Buch verteidigt.
















