Ein Jahr "Wir schaffen das" : Nach dem Andrang steht jetzt die Integration an

Im vergangenen Jahr wurde die Berliner Flüchtlingsverwaltung von ankommenden Geflüchteten geradezu überrannt. Jetzt warten andere Herausforderungen.

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Im Hangar. Der ehemalige Flughafen Tempelhof ist zu Deutschlands größter Flüchtlingsunterkunft geworden.
Im Hangar. Der ehemalige Flughafen Tempelhof ist zu Deutschlands größter Flüchtlingsunterkunft geworden.Foto: dpa

Am Montag beginnt das neue Schuljahr in Berlin. Auch für die rund 12.200 Jungen und Mädchen, die als Flüchtlinge in die Stadt kamen. Gut 1000 Willkommensklassen wurden eingerichtet; 1094 Pädagogen unterrichten dort. „Die Herausforderung für uns wird sein, den Übergang in die Regelklassen erfolgreich zu gestalten“, sagt Berlins Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD). Dafür sind viele Anstrengungen nötig: Für Brückenkurse in einem Umfang von 11.000 Stunden stellt der Senat 1,5 Millionen Euro zur Verfügung.

Im August kamen durchschnittlich 22 Menschen pro Tag an

Nachdem es im vergangenen Jahr erst einmal darum gegangen war, die so zahlreich in die Stadt gekommenen Flüchtlinge – im Herbst 2015 bis zu 1000 an manchen Tagen – zu registrieren und unterzubringen, beginnen die Berliner Behörden jetzt damit, sich um die Integration der Menschen zu kümmern. Die Zahl der täglich in Berlin ankommenden Flüchtlinge ist in den vergangenen Monaten immer weiter gesunken. In den ersten zwei Monaten des Jahres – vor Schließung der Balkanroute – waren noch rund 8300 Menschen auf der Suche nach Asyl in die Stadt gekommen. Als dieser Fluchtweg nicht mehr möglich war, pendelte sich die Zahl bald auf einen Durchschnitt von 30 Flüchtlingen pro Tag ein. Im August kamen nur noch durchschnittlich 22 Menschen an. Insgesamt rechnet der Senat für 2016 mit 25.000 Flüchtlingen.

"Wir müssen Werte vermitteln und Perspektiven geben"

Heute gehe es darum, „den vielen, die bleiben können, auch Werte zu vermitteln und Perspektiven zu geben. Und das heißt zuallererst, ihnen ein Praktikum, eine Ausbildung oder eine Arbeit anbieten zu können“, sagt Sozialsenator Mario Czaja (CDU). Dazu gehört, dass in den fünf Großunterkünften sogenannte Willkommen-in-Arbeit-Büros eingerichtet werden. Diese Stellen sollen den Flüchtlingen auf dem Weg in den Arbeitsmarkt mit Fortbildungs-, Sprach- und Arbeitsförderungs- und Vermittlungsangeboten helfen. Die Integration in den Arbeitsmarkt verläuft allerdings schleppend.

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Ein Jahr 'Wir schaffen das' in der Flüchtlingskrise
Ein Jahr 'Wir schaffen das' in der Flüchtlingskrise

2200 Menschen konnten eine Wohnung beziehen

Schwierig ist es für Flüchtlinge, auf dem angespannten Mietmarkt eine Wohnung zu finden. Dennoch konnten in den ersten sieben Monaten rund 2200 Menschen in eine Wohnung vermittelt werden; die Sozialverwaltung hat dafür Kautionszahlungen in Höhe von einer Million Euro geleistet. Knapp 38.400 Menschen sind immer noch in Aufnahme-, Gemeinschafts- und Notunterkünften untergebracht, aber die Zahl ist rückläufig. Immer mehr Sporthallen sollen wieder ihrem ursprünglichen Zweck dienen. Allein in den kommenden zehn Tagen sollen vier Turnhallen im Bezirk Pankow frei geräumt werden. Die 300 dort lebenden Flüchtlinge können in Gemeinschaftsunterkünften unterkommen. Auch in der Massenunterkunft im Flughafen Tempelhof wird es leerer. Im Februar lebten dort 2600 Menschen, derzeit sind es noch 1454. Und der Senat hofft darauf, irgendwann keine Flüchtlinge mehr über einen längeren Zeitraum in den Hangars unterbringen zu müssen.

Die ersten Nächte müssen die Flüchtlinge in Hangar 5 verbringen

Der Standort an sich wird aber weiter für die Flüchtlinge erhalten bleiben. Dort und in der Bundesallee in Wilmersdorf ist jetzt das Ankunftszentrum untergebracht. Neu nach Berlin kommende Flüchtlinge müssen dort zur Erstregistrierung und im Hangar 5 die ersten Nächte verbringen, bis das Prozedere abgeschlossen ist. Das Ankunftszentrum ist Teil der Umstrukturierung der Flüchtlingsverwaltung. Diese war im vergangenen Jahr geradezu überrannt worden. Das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) kam mit der Registrierung der Flüchtlinge nicht hinterher; die endlosen Menschenschlangen wurden Sinnbild einer überforderten Verwaltung. Der Senat zog Konsequenzen: Der Lageso-Chef musste gehen. Die für Asylbewerber zuständigen Abteilungen wurden in ein neues Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten überführt. Die Zahl der Mitarbeiter wurde aufgestockt: Von 205 Mitarbeitern auf jetzt 500 Beschäftigte. Weitere 50 Stellen sind noch zu besetzen.



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