Berlin : Ein Käfer namens Clementine

Zur Premiere des neuen Herbie-Films rollen tausende Volkswagen durch den Tiergarten. Clemens Eichberg ist mit seinem dabei

Sebastian Leber

Das Live-8-Festival hat er gemieden, die Love-Parade-Ersatzparty ebenso. Richtig gute Musik werde es erst am heutigen Sonnabend auf der Straße des 17. Juni zu hören geben, sagt Clemens Eichberg – oder zumindest ein „schönes, sattes Brummen“. Der 37-jährige Spandauer ist einer von tausenden VW-Käfer-Fahrern, die heute Nachmittag mit ihren Wagen im Konvoi durch den Tiergarten rollen wollen. Anlass ist die Deutschlandpremiere von „Herbie – fully loaded“, dem mittlerweile fünften Film mit dem eigensinnigen hellgrauen Käfer in der Hauptrolle. Kommen mehr als 2728 Fahrzeuge zusammen, wäre das ein neuer Weltrekord. New Beetles zählen aber auch.

Für Eichberg ist die Teilnahme an der Parade Pflicht. Nicht nur, weil er alle alten Herbie-Filme „so gut wie auswendig“ kennt und zu Hause Vasen, Lampen und Nachttöpfe in Käferform stehen hat. Vor allem ist er Vorsitzender der „Käfer- Freunde Berlin“, eines Vereins von „35 charmanten Käfer-Fanatikern“, wie er sagt.

Eichbergs Herbie heißt Clementine, ist Baujahr 1970 und ein 1300 L, wobei das L für Luxus steht. Anfang der 70er bedeutete Luxus noch: verchromte Zierleisten, zwei Rückfahrlampen und Sitze aus schwarzem Lederimitat. Clementine befindet sich seit über dreißig Jahren im Familienbesitz der Eichbergs, erst fuhr der Vater, jetzt der Sohn. Und wenn es nach dem Junior geht, rollt der Wagen auch noch in dreißig Jahren über die Autobahn: „Immer schön auf der rechten Spur, sollen doch die anderen rasen.“ Tempo 130 wäre drin, aber Eichberg will seine Clementine nicht quälen.

Manche frisieren ihren Käfer. Ein Vereinsmitglied hat seinen alten Wagen tiefer gelegt und einen Rennmotor eingebaut. So etwas kommt für Eichberg nicht in Frage, Clementine soll aussehen wie damals, als die ganze Familie zum Großglockner in Urlaub fuhr. Pimp my Käfer? Nie im Leben.

Während Eichberg quasi „in eine Käfer-Dynastie hineingeboren wurde“, haben sich andere bewusst für das Auto entschieden. Als sich Manfred Herrmann vor zwei Jahren von seiner Frau trennte, konnte er sich seinen Porsche nicht mehr leisten. Also stieg er auf Käfer um, seitdem wird er pausenlos auf der Straße angesprochen. Männer wollen mal probesitzen, Frauen finden seinen Wagen „einfach niedlich“. Inzwischen würde Herrmann seinen Käfer nicht mehr hergeben – nur einen Nachteil habe er: Zum Liebe machen sei der kleine Wagen „denkbar ungeeignet, da muss es halt beim Küssen bleiben“.

Clemens Eichberg verkehrt seit 15 Jahren in der Berliner Käfer-Szene. Die Fahrer beschreibt er als „durchweg angenehme, gelassene Zeitgenossen“, mit einer Ausnahme: Da der Käfer seit zwei Jahren gar nicht mehr hergestellt wird, übe er neuerdings eine besondere Anziehung auf trendbewusste Reiche aus. Wenn Eichberg beispielsweise durch Dahlem fahre, sehe er „bedenklich viele Käfer“ am Wegesrand stehen. Diese Menschen liefen aber bloß einer Retro-Mode hinterher, und „wenn der Scheibenwischer einmal quietscht, geben sie den Wagen gleich wieder ab.“

Die echten Liebhaber verehrten den Käfer wegen seines Charmes, Charakters und manchmal auch ziemlichen Dickkopfs, sagt Eichberg – eben so wie die Filmfigur Herbie. Das Original-Auto mit der 53 auf der Seite fährt heute übrigens ganz vorne im Konvoi mit. Natürlich nur, wenn es gerade Lust dazu hat.

Wer mehr über die Berliner Käfer-Freunde wissen möchte, kann sich unter 3347947 melden oder unter www.kaefer-freunde-berlin.de informieren.

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