Ein Kiez im Wandel : Oh, wie schön ist Schöneberg!

Hip, rau, queer, glamourös – Schöneberg hat viele Facetten. Fotograf André Kirchner zog 1981 als Student hierher und dokumentiert seither den Wandel. Wir folgen ihm durch den Kiez.

André Kirchner
Der Pudel-Salon hatte wohl in den 60er- und 70er-Jahren seine Hochzeit.
Der Pudel-Salon hatte wohl in den 60er- und 70er-Jahren seine Hochzeit.Foto: Andre Kirchner

PUDELSALON

Wer mag nicht schon alles amüsiert oder begehrlich auf das markante Ladenschild an der Ecke Erdmannstraße geschaut haben. David Bowie, der nicht weit davon in der Hauptstraße wohnte, wird es gekannt haben. Bis 2008 tatsächlich noch in Betrieb, dürfte der Salon seine besten Zeiten in den 60er- und 70er- Jahren gehabt haben, als hier die Königspudel der Damen von der Potsdamer Straße geschoren und getrimmt wurden. Die Prostitution wurde bereits Ende der 70er durch das lukrativere Geschäft der Unterbringung von Asylbewerbern aus dem Gebiet um den Bülowbogen verdrängt. Der Sanierungswahn der Neuen Heimat tat ein Übriges. Verschwunden das Hotel am Sportpalast, Hotel Potsdam, Bar Romantica und der Nachtfalter. Dem Fotografen und Autor Alexander Steffen ist es gelungen, die Räume des Pudelsalons für die Dauer seiner Ausstellung „Vanishing Berlin“ wieder zum Leben zu erwecken (8.9. - 22.9.2017). Helmstraße 10

Atelier Kirchner
Atelier KirchnerFoto: Andre Kirchner

ATELIER KIRCHNER

2009 musste ich von heute auf morgen mein Labor im Hinterzimmer eines Kunstcafés aufgeben. Brigitte Stamm, die heute in der Grunewaldstraße 15 die Galerie für junge Künstler betreibt, suchte einen Nachmieter für ihr Rahmenlager im Hinterhofgebäude des Marzillier-Hauses. Schon im folgenden Jahr richtete ich hier gemeinsam mit dem Vermieter eine Ausstellung zum hundertjährigen Jubiläum des Hauses Marzillier aus, einst eine der größten Kunstspeditionen Berlins. Neben Büro und Dunkelkammer habe ich jetzt einen ganzen Tanzsaal zur Verfügung, mit drei meterhohen Fenstern zum Hof. Seit 2015 zeige ich hier regelmäßig Fotoausstellungen. Eröffnet habe ich mit den Berlin-Fotografien von Wolf Jobst Siedler junior. Dessen Buch „Die gemordete Stadt“ über Westberlin gab den Anstoß für meine eigene Fotografie. Grunewaldstraße 15

KUNSTSAELE

Herr Fischer, Samuel Fischer, geht vorbei, könnte man meinen; doch die verunstalteten Eingangstore des einst hochherrschaftlichen Hauses bringen einen schnell in die Jetztzeit zurück. Immerhin erinnert eine Gedenktafel daran, dass hier bis 1936 der berühmte S. Fischer Verlag residierte. Freilich war es schon seit dem Bau der Hochbahn 1908 dahin mit der Herrlichkeit von ruhigen 24-Zimmer-Wohnungen vor den Toren Berlins. In der Folge zogen Wohngemeinschaften in die riesigen Räume. Mitte der 80er habe ich selbst hier in der Beletage mit Künstlern zusammengelebt. Auf dem Hof befand sich eines der frühesten Gebäude in Stahlbeton-Skelettbauweise, das 1987 ohne Not abgerissen wurde. Heute ist das Haus weitgehend entmietet, nur die Kunstsaele halten sich als letzte Galerie. Auch das kann bald ein Ende haben – mit langer Geschichte treibt es einer ungewissen Zukunft entgegen. Bülowstraße 90

Buchladen Bayrischer Platz.
Buchladen Bayrischer Platz.Foto: Andre Kirchner

BUCHLADEN BAYERISCHER PLATZ

Mein Buchladen wird bald hundert! Das trifft auf Christiane Fritsch-Weith zum Glück nicht zu. Sie hat den Laden 1975 übernommen. Ihre Fans lieben das "betreute Lesen" mit wöchentlichem Newsletter und Autorenlesungen, fast jeden zweiten Freitag um 20 Uhr. Wer da noch Platz finden will, tut gut daran, eine halbe Stunde früher zu kommen. 2011 konnte ich hier mein Buch "Schauplatz Berlin" vorstellen. Gegründet wurde der Buchladen 1919 von dem jüdischen Literaten und Anarchisten Benedict Lachmann. Er entkam den Nazis nicht - 1941 starb er im Ghetto von Lodz. Wohl aber überdauerte sein Laden. Christiane Fritsch-Weith erzählt die Geschichte des Buchladens in ihrem 2015 erschienenen Buch „Klein, aber voller Köstlichkeiten“. Der Titel zitiert den Journalisten Curt Riess, der hier ebenso verkehrte wie Albert Einstein.Grunewaldstraße 59

HAUS AM KLEISTPARK

Vielen noch vertraut unter dem merkwürdigen Namen "Kunstamt Schöneberg" - als sei die Kunst dort in amtlich bemessenen Portionen an die Einwohner des Bezirks ausgeteilt worden - ist das Haus am Kleistpark eine der größten und traditionsreichsten kommunalen Galerien der Stadt. Seit 1967 im ehemaligen Botanischen Museum untergebracht, wird hier im alten Haus moderne Kunst durch zeitgenössische Positionen vermittelt. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der künstlerischen Fotografie, für die nun zum 28. Mal das Schöneberger Arbeitsstipendium vergeben wird. Ich besuche regelmäßig die Ausstellungen, habe mehrfach meine Arbeiten dort zeigen können und fühle mich in den historischen Räumen zuhause. Versäumen Sie nicht, das schöne, alte Treppenhaus zu bewundern. Demnächst zu sehen: Eine Ausstellung zum Schöneberger Kunstpreis (2.9. - 1.10.2017). Grunewaldstraße 6/7

Stadtbad Schöneberg
Stadtbad SchönebergFoto: Andre Kirchner

STADTBAD SCHÖNEBERG

Von der Düsternis des 1930 erbauten Städtischen Wannen- und Brausebads ist nach dem langjährigen Umbau zum teuren Spaßbad nichts mehr zu erahnen. Dem Studenten aber, der im Februar 1981 nach West-Berlin kam und am Kleistpark eine Hinterhauswohnung ohne Bad bezog , haben sich die nummerierten und nach oben vergitterten Duschzellen für immer eingeprägt. Eingewiesen vom grimmigen Personal beeilte man sich aus den Kleidern und unter die Brause zu kommen. In den Türen waren Zeitschaltuhren eingelassen, die von den Angestellten auf die bezahlte Zeit eingestellt wurden; bei Hochbetrieb ein futuristisches Konzert aus Weckerklingeln, Wasserrauschen und Türenschlagen, auch Klopfen bei Verzug. Als passionierter Schwimmer besuche ich das Bad heute noch im Winterhalbjahr, um in der lichten Halle meine Bahnen zu ziehen. Auf der Empore oberhalb der original erhaltenen Treppenhalle steht, den Eintretenden verborgen, die kriegsversehrte Skulptur einer Badenden des Bildhauers Otto Placzek. Den Gästen im Aquarium kehrt sie den Rücken zu. Hauptstraße 39

Salon für Fotokunst.
Salon für Fotokunst.Foto: Andre Kirchner

BERLINER SALON FÜR FOTOKUNST

Das Backsteingebäude der alten Schule liegt gut versteckt unter hohen Bäumen. Hier hat der Journalist und Fotograf Volker Wartmann in der ehemaligen Hausmeisterwohnung einen Ausstellungsort für Fotografie eingerichtet. Neben den zahlreichen Künstlerateliers im selben Haus ist es ein Projektraum für Fotografen, die sich der Darstellung eines bestimmten Ortes in Berlin verschrieben haben. Die Themen reichen vom Gasometer Schöneberg über die Trabrennbahn Mariendorf bis zum Spreepark in Treptow und einer Gruppenausstellung über den Ausbau der Heidestraße zur "Europa-City". Die nächste Ausstellung findet am 4. November im Rahmen des Schöneberger Atelier- und Galerierundgang statt: „Mein Freund, der Baum“ von Florian von Ploetz und Volker Wartmann. Kyffhäuserstraße 23

Der Text ist ein Auszug aus dem neuen Tagesspiegel-Magazin "Kunst Berlin", im Handel und im Tagesspiegel-Shop erhältlich für 12,80 Euro.

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